Darf und kann und sollte man mit dem Glauben spielen? Ist dieses Spiel nicht sogar anstößig in seinen Übertreibungen? Und gehört Religion wie auch Politik im Rahmen eines Brettspiels nicht sowieso völlig ausgeklammert? Schließlich wollen wir es uns doch mit niemandem verscherzen oder auch nur anecken? Viele Fragen hier, aber ich hatte schlicht und unerwartet meinen Spaß mit dem Spiel im Erstkontakt – von Schmunzlern bis spontane Lacher.

Vorweg gesagt: Der Glaube oder auch Nichtglaube ist für mich reine Privatsache. Das sollte aber bitte jeder für sich so sehen und handhaben, wie er mag. Leben und leben lassen, solange es niemanden beeinträchtigt oder schadet. Trotz aller Kritik an den übergroßen Machtstrukturen der Kirchen wertschätze ich aber den Einsatz in der vielfältigen kirchlichen Basisarbeit. Zudem profitiere ich selbst davon und sei es nur, weil diverse Spieletreffs in Räumen stattfinden, die direkt oder indirekt den Kirchen gehören.

So auch beim Spieletreff im Foyer des Gemeindesaals der baptistischen ruhrkirche Wetter. An jedem letzten Dienstag im Monat öffnen sich die Pforten, um im Rahmen einer von Gemeindemitgliedern organisierten Spielrunde einen Abend entspannt spielend zu verbringen. Ich selbst bin über Kontakte dazu gekommen. Dort kommt dann eher die leichtere Kost auf den Tisch, was ich als herrliche Abwechslung zu den ganzen Expertenspielen in meinen anderen Spielrunden empfinde. Zudem auch mal nett, einen Spieletreff in direkter Wohnnähe ohne lange Anfahrtszeit zu haben. Da ist mir dann auch egal, dass wir meist nur so gut drei Stunden spielen. Skyjo, Bomb Busters, Hase und Igel, So Kleever & Co, um mal den Rahmen abzustecken.

Christliche Spiele habe ich dort bisher nicht erlebt. Deshalb war ich umso überraschter, als uns das Kartenspiel Cards For Christianity auf den Tisch gelegt wurde. Der Leiter einer zeitgleich laufenden Jugendveranstaltung hatte es mitgebracht und schwärmte davon. Ich selbst war skeptisch, ob das was taugen und fernab seiner schon durch den Spieletitel definierten Zielgruppe überhaupt einen spielerischen Wert haben könnte. Zudem kenne ich die Bibel nur arg oberflächlich. Hoffentlich kein Wissensspiel, war mein erster Gedanke. Die Neugier oder auch die Beharrlichkeit des Spielebesitzers war allerdings größer als meine unausgesprochene Skepsis und so habe ich erstmalig Cards For Christianity mitgespielt.

Wie auf den zweiten Blick vermutet, spielt sich Cards For Christianity wie Cards Against Humanity. Nur eben mit Bibelzitaten als potenzielle Antwortkarten. Die zufällig gezogenen Situationskarten reichen von theologischen Themen über besondere Alltagsbegegnungen bis hin zur aktuellen Politik. Auf der Rückseite jeweils gekennzeichnet, sodass man durchaus diverse Themen ausklammern oder sich in seiner Spielrunde darauf fokussieren kann. Da geht es dann u.a. um das schiefe Mitsingen im Gottesdienst, das versäumte Blinken bei der Ausfahrt im Kreisverkehr oder um das Ergebnis nach drei Jahren Ampelregierung. Die Themenvielfalt war somit durchaus gegeben.

Das Besondere an Cards For Christianity sind allerdings die Antwortkarten, die wir geheim vor unseren Mitspielern auf der Hand halten. Weil da sind nicht irgendwelche Sprüche, sondern konkrete Bibelzitate mitsamt der entsprechenden Stelle in der Bibel benannt. Dazu ist der Kontext dieses Bibelzitates auf ein paar Zeilen erklärt. Meinen Respekt vor dieser redaktionellen Leistung, diese 200 Antwortkarten zu recherchieren und zusammenzustellen. Wer mag, kann also beim Spielen noch etwas Bibelkunde lernen und verinnerlichen. Trotzdem spielte sich Cards For Christianity in unserer entspannten Viererrunde erstaunlich spaßig. Dauernde Schmunzler und spontane Lacher waren ständige Begleiter.

Ich selbst war zudem verblüfft, wie schwarzhumorig man doch aus der Bibel zitieren kann. Da waren eine Menge Beschimpfungen dabei, allerdings welche auf der kreativen statt plumpen Art. Timo Stosius und Robert Kärcher sind die Initiatoren dieses Projekts, das im Selbstverlag vertrieben wird. Im Jahr 2024 veröffentlicht und auf Boardgamegeek nur dreimal bewertet bisher. Trotzdem hat sich das Spiel in den ersten Monaten schon über 10.000 Mal verkauft, laut den Autoren. Ein Spiel für 29 Euro und zwei mit Mengenrabatt für je 25 Euro – dann spart Ihr Euch auch gleich die Versandkosten. Die kennen uns Spielekäufer wohl ganz genau.

Im Selbstverständnis der Autoren versteht sich Cards For Christianity als „Kartenspiel für mehr Humor und Freude im christlichen Glauben“. Dort heißt es auch: „Wir sind überkonfessionell gläubige Christen und möchten mit diesem Spiel bewirken, dass Menschen durch Spaß und herzliche Gemeinschaft besser verstehen, was wirklich in der Bibel steht. Das Spiel ist damit eine schöne Gelegenheit, sich mit Humor und Leichtigkeit der Bibel zu widmen – vor allem für Menschen, die bisher nicht viel mit der Bibel und dem christlichen Glauben anfangen können.“

Dabei stimme ich voll und ganz zu, „dass anstößige Übertreibungen tatsächlich ein sehr biblisches Mittel sind“. Weil genauso habe ich das Spiel erlebt und spreche damit für aufgeschlossene und passende Runden sogar ganz unerwartet eine Empfehlung aus. Wie es sich dabei in das Genre der kreativen Wort-Assoziationsspiele mit Schiedsrichter einordnet, der hier übrigens ebenfalls originell „Kartenbischof“ genannt wird und wo die eigentlichen Ursprünge liegen, das ist dann Thema für einen anderen Tag.

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