Überforderung ist immer blöd, besonders am Spieltisch, wo es doch um den gemeinsam erlebten Spielspaß gehen soll. Wenn ich in Wenigspieler-Runden unterwegs bin, braucht es deshalb eine angepasste Spieleauswahl, die flott erklärt, aber auch nicht banal ist.
Die kooperative Pokervariante The Gang von Kosmos ist für Wenigspieler ideal. Eben weil es auf dem bekannten Kartenspiel basiert, das viele Mitspieler schon selbst gespielt haben oder zumindest aus Film und Fernsehen kennen. Zudem bringt die Erfahrung mit Doppelkopf und Skat, die ich hingegen nicht vorweisen kann, oftmals eine gute Erinnerung an das Standard-Kartendeck mit. Alles Pluspunkte, an die ich anknüpfen kann, wenn ich The Gang auf den Tisch lege.
Was sich da die Autoren John Cooper und Kory Heath (†) ausgedacht haben, das ist schon ein wenig genial. Wie bitteschön sollen wir Texas-Hold’em nicht um Geld oder Wetteinsätze im Wettstreit spielen, sondern mit einem gemeinsamen Ziel als kooperative Herausforderung? Geht damit nicht der eigentliche Sinn von Poker verloren, wenn es zudem kein Bluffen gibt? Bei The Gang fokussieren wir uns hingegen auf die Einschätzung unserer Pokerhände und das im Vergleich zu unseren Mitspielern. Da wir allerdings nur stumm mittels Platzierungschips kommunizieren, gilt es, die Entwicklung von der Starthand mit nur zwei Karten bis zur gemeinsamen Auslage von fünf weiteren Karten im Blick zu haben.
Anfangs ist das alles noch ungewöhnlich, aber spätestens nach einer Spielrunde wird klar, was mit dieser eingeschränkten Kommunikation doch alles möglich ist. Ebenso wird schnell klar, dass ein Paar, das man selbst auf der Hand hat oder in Verbindung mit der Kartenauslage bilden kann, schon eine recht hohe Kartenkombination ist. Eben weil wir alle unsere Hände spielen, keine Hand wegwerfen und allzu oft nur eine hohe Einzelkarte mit in die Wertung bringen. Von den zehn möglichen Kartenkombinationen bis zum Royal Flush spielte sich The Gang in meinen unterschiedlichsten Spielrunden meist im unteren Drittel der potenziellen Kartenkombinationen ab. Eine Straße oder gar ein Full House für sich werten zu können, war die absolute Ausnahme.
Das ist dann auch meine einzige Kritik an dem Spiel. Wenn es blöd läuft, hat niemand etwas auf der Hand und auch nichts von der Auslage getroffen und nur Nuancen entscheiden, wer denn die höchste Einzelkarte vorweisen kann. Das merken wir spätestens dann daran, wenn der 1er-Sterne-Chip reihum wandert und den jeder mal in Besitz nimmt. Da wir allerdings auf drei Gewinnrunden spielen, nehmen wir solche Kartenverteilungen dann als Herausforderungen, lachen gemeinsam darüber und wenden uns der nächsten Spielrunde zu – die dann hoffentlich bessere Karten bringt.
Wer mag, der kann auch noch die Challenge- und Spezialistenkarten mit dazu nehmen, die einem je nach Spielverlauf die nächste Runde einfacher oder schwieriger gestalten. Ich persönlich mag The Gang in seinen Grundregeln allerdings lieber, auch weil es für mich diese zusätzliche Abwechslung gar nicht braucht und das elegante Grundkonzept des Spiels eher verwässert statt aufwertet. Aber als Spieloption ist es für mich völlig ok, ich kann es ja einfach ignorieren, während andere Spielrunden darin aufgehen. Jeder so, wie er mag.
Die außergewöhnliche Qualität von The Gang hat auch die Spiel des Jahres Jury erkannt und das Spiel auf die Nominierungsliste zum Spiel des Jahres 2025 gesetzt. Für die Endrunde oder gar den Titelgewinn war die Konkurrenz in diesem Spielejahr allerdings zu stark. Hat eventuell auch die nicht ganz so überzeugende Materialqualität dazu beigetragen? Während in der Erstauflage der Druck der Platzierungschips noch durchgehend kräftig war, sind in meiner Version, gut neun Monate nach Erstveröffentlichung gekauft, die Farben zur Chipmitte hin ausgebleicht. Nicht nur auf mein Exemplar begrenzt, schon mehrfach woanders ebenso gesehen. Und auch die Kartenqualität ist nur ok, entspricht aber nicht einem Turnier-Pokerspiel. Wer da anderes gewohnt ist, muss selbst nachbessern.
Bisher habe ich untypisch keinerlei Worte zum Thema oder der Hintergrundgeschichte von The Gang verloren. Tja, die ist ziemlich belanglos und aufgesetzt und trägt nichts zum Spiel bei. Wir sind eine Bande von Gangstern, die eine Serie von Banküberfällen planen. Drei Tresore wollen geknackt werden und wir tüfteln die Rangfolge in unserer Gang aus, um erfolgreich sein zu können – in dem wir kooperativ Poker spielen. Ok, nehme ich mal so hin und erwähne ich im Rahmen meiner Spielerklärungen auch nur im Nebensatz. The Gang kommt prima ohne thematischen Rahmen aus und das bestens – selbst in Wenigspielerrunden und deshalb meine Empfehlung.








Anmerkung der Redaktion: Alles was ich über Kory Heath (†) sagen könnte, das wäre falsch oder doch nur nacherzählt, weil ich kannte ihn nur als Autor von Spielen wie Uptown und hier The Gang. Deshalb verlinke ich einfach dahin, wo Personen sich erinnern, die wirklich was über ihn zu sagen haben: https://boardgamegeek.com/blog/1/blogpost/167622/in-memoriam-kory-heath