Rechtfertigen nur komplexe Brettspiele einen hohen Verkaufspreis? Das asymmetrische Horror-Versteckspiel kommt spielmechanisch eher seicht daher, bietet aber eine enorme Tischpräsenz und zudem eine einzigartige Slasher-Atmosphäre auf bestem B-Movie-Niveau. Groß, schwer, unhandlich und mir trotzdem eine absolute Genre-Empfehlung wert.
Zugegeben, ich war durchaus skeptisch. In meiner Neuheiten-Kick-Betrachtung habe ich Terrorscape von Grimspire kritisch beäugt und nach spontaner erster Impuls-Euphorie doch als überflüssig abgetan. Eben weil ich meinte, mit Mind MGMT einen weitaus gehaltvolleren Vertreter des Genres Hidden-Movement schon längst im Schrank zu haben. Und dazu noch viel zu wenig bespielt und in seiner Spieltiefe erkundet. Warum braucht es da für mich ein weiteres Spiel dieser Art, wenn doch auch Ein Whitehall Mord als moderne Scotland Yard Variante viel zu lange meinen Spieltisch nicht mehr gesehen hat? Zudem ist Terrorscape mit 90 Euro oder mehr nicht gerade gefühlt preiswert. Wenn ich als Komplettist direkt alle drei verfügbaren Erweiterungen dazukaufen würde, wäre das sogar der doppelte Preis.
Somit eher schlechte Voraussetzungen für einen Amitrash-Slasher, der spielmechanisch eher seichte Kost bietet. Zum Glück konnte ich Terrorscape auf einem besuchten Spieletreff ausprobieren und somit erstspielen. Idealweise für vier Spieler geeignet, sodass ein Killer drei Überlebenden gegenüber steht, die dann auch von unterschiedlichen Mitspielern gesteuert werden. Das steigert die Immersion und Atmosphäre, weil wir uns weitaus näher mit unserem Charakter verbunden fühlen, statt es Einzelner die Gruppe der Überlebenden aus der Draufsicht zu steuern. Der Spieletitel schreckte allerdings einige ab, während andere eher bewährte Euogame-Kost spielen wollten. Fast wäre es bei einer 2er-Partie geblieben, aber als dann der Sichtschirm in Form eines in die Jahre gekommenen Herrenhauses aufgebaut auf dem Tisch thronte, haben wir unsere 4er-Runde doch noch zusammenbekommen.
Terorscape vom Autor Jeffrey CCH hat eine enorme Tischpräsenz und einen ebensolchen Aufforderungscharakter. Eine Partie ist zudem schnell gespielt, wobei die Spieleschachtel von 30 bis 45 Minuten spricht. Die kann auch mal in 11 Minuten vorbei sein, denn das Grundspiel endet, wenn ein Überlebender dem Killer zum Opfer gefallen ist und das kann je nach Spielweise arg schnell sein. Aber so eine vorzeitige Niederlage wird kaum jemand auf sich sitzen lassen. Zudem versprechen die anderen zwei Killer ein verändertes Spiel und damit Abwechslung. Und es gibt noch diverse Varianten und Möglichkeiten, das Spielgeschehen durchaus komplexer zu gestalten. Wer braucht da noch voreilig die Erweiterungsboxen? Wohl nur Käufer, die in Angst leben, etwas zu verpassen. Eventuell sogar zurecht, denn die Wartezeit zum nächsten Nachdruck wird bis Ende Dezember 2025 sein. Im Fachgeschäft vor Ort könnt Ihr aber noch fündig werden, wenn auch denen der Versand untersagt ist. Also im Zweifel mal dort nachfragen.
Aber zurück zum Spiel selbst und da bin ich bei der Ausstattung zwiegespalten. Für meinen Geschmack hätte es den übergroßen Sichtschirm in Form der Gebäudekulisse nicht gebraucht. Zumal der integrierte Würfelturm an einer Seite des Gebäudes für Spieler auf der anderen Seite schlecht einsehbar ist. Schwarze Würfel mit roten Symbolen in einen Licht schluckenden ebenso schwarzen Würfelbereich poltern zu lassen, war auch nicht die übersichtlichste Idee. Zwar atmosphärisch, genauso wie die hervorgehobenen Buchstaben in diversen Beschriftungen auf dem Spielbrett und den Gegenstandskarten, aber ohne jeglichen spielerischen Wert und eher kontraproduktiv für die schnelle Lesbarkeit. So übertreibt es Terrorscape an einigen Stellen – weniger wäre für mich hier mehr gewesen.
Allerdings macht der übergroße Sichtschirm spielerisch durchaus Sinn. Der verdeckt das Geschehen auf der Gegenseite gut und bietet mit den Ablageflächen für gefundene Schlüssel und dem Gesundheitsstatus der Überlebenden die wichtigen Informationen für beide Seiten im Überblick. Der Auf- wie auch Abbau ist einmal erprobt, dann doch nicht so zeitintensiv wie zunächst gedacht. Die Ausstattung von Terrorscape will halt überzeugen. Damit relativiert sich dann auch der Kaufpreis. Aufgebaut ist das ein großer Spielplatz, wo jedes Element seinen Platz findet. Dazu gibt es herausnehmbare Plastikinlays, die durchaus durchdacht sind. Für Kartenhüllen allerdings nur bedingt geeignet. Dabei solltet Ihr Euch auf die Sorte Sleeve Kings beschränken oder Ihr greift zu Docsmagic Mini-European Kartenhüllen in der Standard-Qualität. Die Premium-Version passt nicht. Für die größeren Karten passen die matten Hüllen von Gamegenic in der Standard-Größen, die Ihr auch als 200er Value Pack bekommt. Meine ansonsten bevorzugten Arcane Tinmen Kartenhüllen waren zu lang und für die kleinen Karten grenzwertig eng in der Breite.
Thematisch packend und vom Spielablauf eher angenehm seicht empfunden, so lassen sich meine ersten beiden Spielpartien als Überlebender gegen den Schlächter zusammenfassen. Dabei war mein Erstkontakt mit Terrorscapa fast schneller zu Ende, als die Regelerklärung lang war. Eine Mitspielerin wurde mal verletzt, ist weggerannt, nur um dann getötet zu werden. Das war für uns allerdings eine reine Kennenlernpartie der Möglichkeiten, von denen wir viel zu viele übersehen hatten. Deshalb haben wir auch direkt eine Revanche gespielt. Selber Killer und dieselben Überlebenden, nur diesmal mit dem Anspruch, länger zu überleben.
Die Partie lief dann auch besser und länger. Wir konnten zügig die fünf nötigen Schlüssel entdecken und hatten ebenso die Möglichkeit, über den Hinterausgang zu fliehen. Unser letztes Problem war allerdings, dass wir zu Beginn unserer Spielerzüge gemeinsam an einem der beiden Fluchtorte sein mussten. Dazwischen der Schlächter, der seine letzte Chance hatte, uns dort aufzuspüren und anzugreifen. So entschlossen wir uns, per Handzeichen hinter dem Sichtschirm diskutierend, vom Hinterausgang zurück zur Haupthalle zu gehen, um unser Gegenüber zu verwirren, der auf dem Weg in Richtung Hinterausgang war. Hätten wir dort mal lieber ausgeharrt, denn unsere 50:50 Chance ging leider nach hinten los, wir wurden in der Haupthalle gestellt, angegriffen und nur ein 3+3er Würfelergebnis hätte uns gerettet. Unwahrscheinlich, aber möglich. Am Ende war das Schicksal in Form der Würfel gegen uns und wir wurden ein zweites Mal nieder geschnetzelt.
Terrorscape ist ein Amitrash-Spiel in Reinkultur. Ein faszinierendes Katz-und-Maus-Spiel mit begrenzten Informationen auf beiden Seiten. Ein Genrevertreter seiner Art, der schnell gespielt und thematisch packend ist. Vom Spielablauf zu seicht? Nur bei oberflächlicher Betrachtung, denn als Überlebender habt Ihr zwar selbst nur eine Aktion mit Eurem Charakter und dann ist schon wieder der Killer am Zug, was Euch keine Atempause lässt. Allerdings könnt Ihr durch Zusatzaktionen und Einsatz Eurer Sonderfähigkeit sowie die Interaktion mit der Umgebung und der besonderen Struktur des Spielplans weitaus mehr spielerisch umsetzen, als es zunächst scheint. So hatte ich z.B. ignoriert, dass ich mit meinem Charakter die Geheimgänge auch ohne Taschenlampe hätte benutzen können. Vor lauter Spannung des Spielablaufs völlig vergessen und das spricht für das Spiel.
Wenn Ihr genau das sucht, dann solltet Ihr hier zuschlagen. Meine beiden mitgespielten Partien waren ausgesprochen atmosphärisch dicht. Da kam das Slasher-Feeling der Ohnmacht und der aufkommenden Panik vor dem übermächtigen Gegner gut rüber. Ich selbst habe derweil zugeschlagen und ein vergünstigtes Vor-Ort-Angebot genutzt. Nach der Auspack-Session habe ich lange überlegt, ob ich mir die drei Erweiterungen nicht auch direkt kaufen sollte. Bis jetzt rede ich mir noch ein, dass ich doch bitte erstmal selbst das Grundspiel erklären, spielen und erkunden soll mit seinen drei verschiedenen Killern. Noch bleibe ich standhaft bis unentschlossen – mein Kopf sagt Nein, der Spielerbauch sagt Ja. Mal sehen, was die Zukunft so bringt.


















































Derweil eine schön atmosphärische 4er-Partie mit meinem Exemplar erklärt und gespielt. Jetzt weiß ich dann auch, wie und wo ich die Regelerklärung kürzer halten werde. Den Killer-Spielzug brauche ich zum Beispiel nur grob anreißen und dann einfach in der Praxis zeigen, wenn ich selbst die Rolle übernehme. Unsere Partie endete mit einem Sieg der Überlebenden über fünf Schlüssel, weil ich als Schlächter zu blöd, weil nicht konsequent genug agiert habe. Jetzt kenne ich allerdings das Schlächter-Deck und damit seine Möglichkeiten und werde so eine Schlappe sicher nicht mehr zulassen. Es kam nur zu zwei Begegnungen und die konnten die Überlebenden durch Würfelglück in Kombination mit Verteidigung per Gegenstand leider abwehren.