Manche Brettspiele werden auf den zweiten Blick besser. So hatte ich von dem komplexen 4X-Weltraum-Spiel bisher nur dreimal das Tutorial gespielt, um meine Mitspieler dafür zu begeistern. Die bewusste Reduktion des Einsteiger-Szenarios nahm allerdings auch eine Menge von dem eigentlichen spielerischen Potenzial weg. Eine spontan mitgespielte Dreierpartie hat das alles gerade gerückt für mich.
Wir schreiben das Jahr 2023. Kurz vor der SPIEL in Essen. Voidfall wird an die Crowdfunding-Unterstützer ausgeliefert und ich bin neidisch, dass ich damals doch nicht dort mitgemacht hatte. Also began für mich die Suche auf dem Sekundärmarkt und schnell wurde ich fündig. Einmal die komplette Galactische Box (inklusive Schreibfehler im Untertitel) mitsamt Metall-Tokens in deutschsprachiger Version, ungespielt und noch originalverpackt für schlanke 225 Euro. In Folge wurden für die ausverkauften „Enamel Painted Metal Structures“ Höchstpreise bezahlt. Derweil ist die All-In-Version längst ausverkauft, soll aber im Zuge der angekündigten Erweiterung im Jahr 2026 wiederkommen.
Die Voidfall Erweiterung wurde auf der diesjährigen GenCon in Indianapolis in Teilen vorgestellt und bietet eine Menge von dem Bekannten und etliches Neues, was allerdings noch nicht gezeigt wurde. Den Voidfall-Fans wird also nicht so schnell der Nachschub ausgehen. Allerdings bot alleine das Grundspiel schon so viel Spiel in seiner Box, dass ich persönlich noch gar keinen Bedarf an einer Erweiterung verspüre. Weil über das Tutorial im konfrontativen Basisspielmodus und nun erstmals ein richtiges Szenario mit dem vollen Spielumfang bin ich noch nicht hinausgekommen – und das nach fast zwei Jahren. Wenn es in dieser Schneckengeschwindigkeit so weitergeht, dann kann ich mal 2030 einen Blick darauf werfen, was es fernab der Grundbox noch so alles inzwischen gibt.
Die Schuld an dieser zögerlichen Annäherung an Voidfall suche und finde ich bei mir selbst. In zu perfektionistischer Manier habe ich bisher dreimal das Tutorial in verschiedenen Erstspielerrunden gespielt. Dabei wird die Anzahl der Fokuskarten bewusst reduziert und auch erst nach und nach ins Spiel gebracht. Dabei ist das Tutorial so angelegt, dass es eigentlich völlig egal ist, was man für Fokuskarten ausspielt und welche Aktionen man davon ausführt, denn wirklich scheitern kann man in diesem Einführungsszenario nicht. Es ist darauf ausgelegt, dass die allgemeine Bedrohung durch die Leere als Gegenspieler kaum vorhanden ist und zudem nur vorausgewählte positive Ereignisse zu betreffen können.
Das Tutorial ist nur ein Kennenlernen der Möglichkeiten, allerdings in einem abgesperrten Sandkasten, indem alle potenziellen Gefahren vorab beseitigt worden sind. Am Ende geht es nur um Siegpunkte und die Optimierung seiner Aktionsfolgen. Zudem endet das Tutorial an genau der Stelle, an denen es spannend werden könnte, weil wir uns in unmittelbare Reichweite zueinander wiederfinden.
Denn die eigentliche Faszination von Voidfall geht von den Mitspielern und die Interaktionen mit denen aus. Die Leere ist nur ein vom Spiel gesteuerter Ausgleichsmechanismus, um die eigene Verteidigung nicht völlig zu vernachlässigen und nicht zu gierig nach neuen Gebieten zu werden, die man sowieso nicht halten könnte. In den normalen Szenarien des Spiels geht es auch weitaus überraschender und fordernder zu. Wer nicht aktiv gegen die Leere aufrüstet und dagegen spielt, wird die Konsequenzen tragen müssen und das ist neben der Siegpunkte-Gewinnung und der ständigen Bedrohung durch die Mitspieler eine weitere Herausforderung, die es zu meistern gilt.
Unser Regelerklärer hatte ein Szenario ausgewählt, bei dem wir zu Beginn ausreichend Abstand zueinander hatten. Weil ein Mitspieler kannte Voidfall noch gar nicht und ist damit ins kalte Wasser gesprungen. Nach einer ungewohnt kurzen und eher oberflächlichen Spielerklärung ging es schon los. Da wir anfangs unsere Aktionen alle beschrieben und somit erklärt hatten, kam der Erstspieler aber gut ins Spielgeschehen. Und ich kam zu der Erkenntnis, dass ich Voidfall bisher viel zu aufwändig und zeitintensiv erklärt hatte. Man braucht nicht alle Details vorab wissen, sofern man sich darauf einlassen kann, so einen Eurogame-Brecher in seiner Erstpartie kennenzulernen. Denn durchweg optimal spielen, das kann man sowieso nicht. Dazu ist die Iconflut, von Ian O’Toole umgesetzt, viel zu umfangreich und überfordernd.
Wir hatten so drei Stunden für die entspannter 3er-Partie als Zeitrahmen angesetzt. Es wurden dann doch eher vier Stunden, die sich aber für niemanden am Tisch lang anfühlten. Ich für mich hatte immer etwas zu tun, zu durchdenken, vorzubereiten und nach potenziellen Lösungen zu suchen. Dabei setzte ich voll auf militärische Expansion und eroberte so einen großen Teil der Galaxie und auch ein untergegangenes Haus.
Allerdings lief es im Gegenzug mit meiner Wirtschaft nicht ganz so gut und die eroberten Sektoren waren eher schlecht bis unterentwickelt fernab deren Raumhäfen. Dank doppelter Raumhafen-Kapazität und Schilde gegen Verteidigungsanlagen sah ich mich gut im Rennen. So führte ich am Ende des zweiten und damit vorletzten Zyklus das Punktefeld mit Abstand an. Ich hatte passende Agenda-Karten, die mir gut Multiplikator-Punkte einbrachten und ich war bereit für weitere militärische Expansion, um den Punkteregen final nochmal zu wiederholen.
Am Spielende musste ich mich hingegen mit dem zweiten Platz zufriedengeben. Ich wurde von dem Erstspieler und seiner Wirtschaftsstrategie eingeholt und überholt. Er setzte vor allem auf Forschung und dem vollwertigen Ausbau seiner kaum expandierten Hexfelder. In dieser kompakten Spielweise konnte er sich gut gegen die Leere verteidigen und lief auch nicht Gefahr, zu früh mit seinen aggressiv spielenden Mitspieler-Häusern in unangenehmen Kontakt zu kommen. Dieser Plan ging auf, und zwar bestens. Der Erklärer und dritter Spieler im Bunde fuhr eine Art Mischstrategie, musste allerdings einen Rückschlag gegen die Leere hinnehmen, was die Folge von einer Fehlplanung war. Allerdings muss ich sagen, dass ich in dem Spiel eher Augen für mich und meine Expansion hatte und somit die Details meiner Mitspieler gar nicht recht mitbekommen habe.
Diese Partie hat mir eindrucksvoll gezeigt, wie viel spielerische Möglichkeiten noch in Voidfall stecken. Das nächste Mal gerne dann mit einem konfrontativeren Szenario, das uns schon zu Beginn enger zusammenrückt. Deshalb mein Rat: Nutzt das Tutorial nur, um für Euch das Spiel im Solo-Modus kennenzulernen. Und startet dann direkt mit Euren Mitspielern in eine echte Partie und mit einem Szenario, dass Euch auch herausfordert und nicht in Watte packt. Erst damit kann Voidfall so richtig aufblühen und die Chance bekommen, erneut auf den Tisch gewünscht zu werden.











