Fallen wir direkt mit der Tür ins Haus und lassen den Elefanten im Raum platzen: Ihr könnt das prämierte Kartenspiel Odin einfach und bequem mit Eurem Schotten-Totten Exemplar spielen. Bleibt die Frage, ob wir das wirklich wollen und was das für zukünftige Spieleentwicklungen bedeuten kann. Mehr als nur eine moralische Frage?

Das Kartenspiel Odin des Schweizer Verlages Helvetiq konnte den bedeutendsten Brettspielpreis aus Frankreich gewinnen. Das spricht für sich und für das Spiel und dem Spielegeschmack der Jury. Beim „As d’Or 2025“ konnte es sich in Kategorie „Alle Zielgruppen und Familien-Spiel“ gegen die Mitnominierten Captain Flip und For a Crown durchsetzen. Dabei hat die Auszeichnung „As d’Or-Jeu de l’Année“ die selbst gestellte Aufgabe, die breite Öffentlichkeit auf die Vielfalt der Spieleindustrie in Frankreich aufmerksam zu machen und Spiele zu prämieren, die fesselnd und unterhaltsam sind und sowohl bei Gelegenheits- als auch bei Vielspielern die Lust auf mehr wecken. Die Qualität des Materials, die einwandfreie Funktion der Mechanik, das Verständnis der Regeln, das Spieldesign, die Kreativität der Autoren und das universelle Thema sollen die Fantasie der Spieler anregen.

Odin von den Autoren Gary Kim, Hope S. Hwang und Yohan Goh hat genau diese Kriterien für 2 bis 6 Spieler am besten erfüllt: Die Qualität der Spielkarten ist ok, zwar keine gewohnte Amigo-Spielkarten-Güte aus deutscher Produktion, aber internationaler Standard mit hochglänzender Oberfläche. Die Spielmechanik funktioniert, auch wenn es schöner gewesen wäre, die Zahlen der Karten auch unten aufzudrucken, sodass man auf der Hand nicht umsortieren muss. Die Spielregeln sind vollständig, wenn auch, der kleinen Spieleschachtel geschuldet, auf kleinsten Raum und weiß auf himmelblau gedruckt. Soweit einen Haken dahinter, allerdings auch nichts, was den Standard erheblich übertreffen würde in meiner Wahrnehmung.

Bei dem Spieldesign und der Kreativität der Autoren komme ich allerdings ein wenig ins Stocken. Wir versuchen, unsere Kartenhand loszuwerden, um Minuspunkte zu vermeiden. Gleiche Farben oder gleiche Zahlwerte auszuspielen und dabei die Auslage zu übertreffen, in dem wir einen höheren Wert bilden und dabei maximal eine Karte mehr ausspielen dürfen, das alles kenne ich hingegen schon aus diversen anderen Kartenspielen. Ich denke da zuerst an Krass Kariert und Scout, die dieses Grundprinzip schon auf ihre Art und Weise genutzt haben. Wirklich neu sind eigentlich nur zwei Kniffe: Ich bilde aus meinen ausgespielten Einzelkarten eine größtmögliche Zahlenfolge, sodass eine 3-7-2 als 732 eine ausliegende 641 übertrifft. Wir bauen uns sozusagen unseren Kartenwert aus Kartenziffern zusammen. Zudem muss ich immer einer der ausliegenden Mitspielerkarten auf die Hand nehmen, sofern ich nicht alle Handkarten losgeworden bin. Das sorgt für Taktik.

Ein reduzierter Spielmechanismus, der sich auf zwei Besonderheiten stützt. Dr. Reiner Knizia, als Altmeister der Reduktion in seinen Spielen, hätte das Eleganz genannt. Ich kann mich dem Urteil anschließen. Mehr als reiner Selbstzweck ist gar nicht nötig. Odin spielt sich elegant und ausreichend anders als Krass Kariert oder Scout. Allerdings liegt in dieser bewussten Reduktion auch ein potenzielles Problem: Odin beschränkt sich auf 45 Karten mit den einfachen Zahlenwerten 1 bis 9 in fünf verschiedenen Farben – mehr braucht es nicht. Mehr braucht es auch nicht, um das Spielprinzip von Odin mit den Karten von Schotten-Totten zu spielen, das sich genau dieser Rainer Knizia ausgedacht hat. Die Regeln von Odin sind online frei auf der Verlagsseite von Helvetiq verfügbar. Umständlich und zeitintensiv nachbasteln oder Material ergänzen brauchen wir deshalb nicht. Einfach Schotten-Totten aus dem Spielregal ziehen und eine Partie Odin damit spielen.

Trotzdem habe ich mir Odin gekauft, obwohl ich den Urvater der Battle-Line-Spiele in der Erstauflage besitze. Die Spielkarten von ASS sind sowieso fast unverwüstlich. Schotten-Totten habe ich seit Ewigkeiten nicht mehr gespielt. Odin hingegen in den letzten Wochen mehrfach in unterschiedlichen Runden. Auch wenn die Schöpfungshöhe von Odin sich nur auf zwei Kniffe beschränkt, so ist es doch ein gut spielbares Kartenspiel, das durch seinen Zahlenbau-Mechanismus für mich einzigartig wird. Genau das möchte ich unterstützen. Außerdem hätte ich ansonsten auch nicht die Promokarte mit der 0er-Meckerziege verwenden können und das wäre für sich genommen doch schade gewesen.

Odin ist gewiss kein Einzelfall. Mit Standard-Kartendecks könnt Ihr viele der modernen Kartenspiele nachahmen, wenn Ihr auf Thema und passende grafische Gestaltung keinen Wert legt. Auf Boardgamegeek findet Ihr dazu eine Auflistung mit 28 aktuellen Kartenspielen von 12 Chip Trick bis Trio. Oder Ihr greift zu Rage von Amigo und könnt 196 bekannte Kartenspiele damit nachspielen. Für Wanderurlaube mit sparsamem Gepäck sicher ideal, aber fühlt sich das nicht auch ein wenig wie Verrat an den Autoren für Euch an? Ich selbst gönne mir deshalb gerne Originalspiele. Aus Respekt und weil ich nicht den Ast absägen möchte, auf dem ich allzu gerne spielend sitze.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert