Für 16 Euro bekommt Ihr ein Kartenspiel, das Ihr nach Vorgabe verändern und auch teilweise zerstören sollt. Schließlich haben all Eure Entscheidungen unwiderrufliche Folgen und das solltet Ihr per Legacy-Spielmechanik auch in endgültiger Konsequenz spüren. So will es Autor und Verlag und freut sich über klingelnde Kassen. Mit Kartenhüllen und Folienschreiber könnt Ihr Euer Königreich hingegen unendlich oft zurücksetzen, was mir deutlich besser gefällt. Allerdings bringt es noch ganz andere Nebenwirkungen mit.

Da liegt sie nun vor mir. Die etwas bauchige Kartenschachtel von „Königreich Legacy – Feudale Welt“ in der deutschsprachigen Version vom Schwerkraft Verlag. Auf der SPIEL 2024 als englische Version bei FryxGames veröffentlicht und vom Autor Jonathan Fryxelius erdacht. Kein Unbekannter in der Branche, sondern als 14. Kind in einer der größten Familien in Schweden auch an dem Welterfolg Terraforming Mars beteiligt. Ein Eurogame, das neben seinen ausgeklügelten Spielmechanismen vor allem durch die durchwachsene Qualität der eingekauften Stockfotos herausstach, während die Cover-Illustration ein Hochglanzspiel versprach. Der grafische Malus wurde nie behoben und Terrarforming Mars auch so zu einem der beliebtesten Brettspiele. Das war 2016 und zeigte schon damals, dass FryxGames gerne zusammenhält und genauso ungern Externe mit in ihre Projekte einbezieht.

Derweil kann sich FryxGames den Illustrator gänzlich sparen und setzt mit Kingdom Legacy auf KI generierte Grafiken von Adobe Firefly. Die sehen gefällig aus, wenn auch bei Personen seltsam entrückt. Vergleichbar mit der Weltsicht der christlich geprägten Fryxelius-Familie, deren Ansichten einige konservativ und andere problematisch nennen. Das ist aber ein Thema für sich und die Frage, inwieweit man Werk und Autor trennen sollte. Aber will man so ein Spiel spielen, welches, so meine ich Einschätzungen vernommen zu haben, eventuell Illustratoren-Rechte verleugnen könnte, weil diese der Verwendung für KI-Werke ebenso eventuell nie ausdrücklich zugestimmt haben? So sagen einige, die ich hier nur zitiert habe. Ganz schön viel Hören-Sagen, aber durchaus an dieser Stelle berechtigt, denn Adobe sieht das ganz anders und vielen Käufern von Kingdom Legacy scheint das eh egal zu sein, sofern sie es überhaupt bemerken.

Jonathan Fryxelius hat sich hingegen laut seinen Aussagen auf Boardgamegeek ganz bewusst für Adobe Firefly entschieden: „Weil es nicht mit urheberrechtlich geschütztem Material trainiert wird, die Mitwirkenden der Trainingsdaten vergütet und zudem Künstler und markenrechtlich geschützte IPs anonymisiert, um sie von Stildiebstahl zu schützen sowie die Erstellung von rechtsverletzender Inhalte zu vermeiden. Das bedeutet, dass Firefly nur auf einem Bruchteil der Bilder basiert, die zum Training anderer Modelle verwendet werden. Es bedeutet aber auch, dass die Hauptkritikpunkte an KI, insbesondere die ethischen Bedenken, auf Firefly nicht zutreffen.“ Soweit die mit KI-Hilfe erstellte Übersetzung seines Statements. Wenn Ihr wollt, könnt Ihr innerlich verzweifeln und wie ich kurz aber bestimmt laut aufseufzen. Ändert nichts, tut aber gut.

Also doch alles bestens? Adobe garantiert, dass alle generierten Inhalte keine fremden Urheberrechte verletzen. Es gibt also keinerlei Risiken durch Nutzung von Material, das urheberrechtlich geschützt sein könnte. Das wird „Commercially Safe“ genannt und klingt ebenso gut wie beruhigend. Wer mag da noch tiefer nachfragen und gar einen Rechtsstreit riskieren oder wegen übler Nachrede verklagt oder abgemahnt werden? So trollen wir uns von Dannen und können nun Kingdom Legacy entweder komplett ignorieren, aus einer eigenen Haltung und der Moral wegen und so, oder wir fokussieren auf das Spiel an sich und blenden derweil den Rest aus. Wer Ersteres bevorzugt, für den endet der Beitrag hier.

Für alle anderen und ich reihe mich mal brav ein, mein Ersteindruck zu „Königreich Legacy – Feudale Welt“ in der deutschsprachigen Version:

Die Spieleschachtel fasst 140 doppelseitig illustrierte Karten. Manche davon sind so bezeichnete Stopp-Karten und weisen uns darauf hin, was sich alles ändern wird. Und Änderungen sind der eigentliche Motor des Spiels. Indem wir mit Karteneigenschaften andere Karten bezahlen und damit drehen und wenden dürfen, verändert sich eine einzige Karte und zeigt sich in vier Formen und Zuständen. Oftmals bringen die uns neue Möglichkeiten, wenn diese Karte gewendet und umgedreht wieder in unserer Auslage erscheint und wir erneut überlegen, ob wir die als Hilfsmittel oder Ort der Aufwertung mittels anderer Karten nutzen wollen. Ein Kreislauf von Karten, dem im Laufe des Spiels immer mehr weitere Karten des Decks hinzugefügt werden.

Zunächst bleibt es noch friedlich, aber dann werden wir auf einmal Entscheidungen treffen müssen, die dauerhaft sind. Ganz direkt wird uns beschrieben, dass wir aufgrund unserer Wahl bestimmte Karten vernichten sollen. Ab damit in den lodernden Kamin oder schlicht ins Altpapier. Oder sind die Karten doch beschichtet und sind eher Hausmüll? Wer solche schwerwiegenden Entscheidungen der Abfallentsorgung gänzlich vermeiden möchte und schon bei Pandemie Legacy es nicht übers Spielerherz gebracht hat, hochwertiges Spielmaterial einfach so zu zerreißen, der greift auf Kartenhüllen und Folienstifte zurück. Das erspart Euch auch, das Spiel nochmal neu zu kaufen, wenn Ihr später bemerkt, dass Ihr es in Details doch falsch gespielt habt und Ihr eigentlich nochmal ganz von vorne und diesmal dann richtig und besser beginnen wollt.

Kartenhüllen habe ich ausreichend und die matten im 66 x 91 mm Standard-Format von Gamegenic reichen dafür völlig. Wer will da schon seine restlichen Arcane Tinmen Kartenhüllen beschriften, die als gesuchter Restposten sicherlich mal in Gold aufgewogen werden. Lasst Euch diese Denke bitte nicht nehmen, ist ja schließlich Eure Illusion. Also den trocken abwischbaren STAEDTLER Lumocolor 305M Folienstift gezückt und mit der weichen 1 Millimeterspitze die gewährten Bonusrohstoffe wie Gold oder Holz einfach direkt auf die Hülle gemalt. Kurz antrocknen lassen und zeitgleich den Rohstoff auf dem ebenso umhüllten Aufkleberbogen abgestrichen. So hat alles seine Ordnung und wir genehmigen uns auch nicht mehr Rohstoffe, als wir überhaupt zur Verfügung haben. Die Karten selbst und auch die Aufkleber bleiben hingegen wie neu und unbenutzt.

Und warum unbedingt der Lumocolor 305 in der M-Schreibstärke? Weil der fast baugleiche Folienstift von STAEDTLER mit 0,6 mm großer feiner F-Spitze sichtbar in die Kartenhülle kratzt, was dauerhafte Spuren hinterlässt, die wir ja eigentlich vermeiden und wieder wegwischen wollen. So können wir die Hülle einfach weiterverwenden, wenn wir unser Königreich irgendwann mal komplett zurücksetzen wollen. Klingt alles eigentlich gut, nur passt das umhüllte Kartenspiel nicht mehr zurück in seine Spieleschachtel. Einmal weil der Kartenstapel nun zu dick geworden ist und ebenso, weil niemals vorgesehen war, dass gesleevte Karten überhaupt in die Spieleschachtel passen. Aktuell lagere ich deshalb meine aktiven Königreich-Karten in einem meiner Zipp-Beutel. Sieht nicht schön aus, ist aber praktisch und spart mir irgendwann 16 Euro für ein neues Kingdom Legacy. Dass ich derweil 7,39 Euro für ein 4er-Pack neuer Folienstifte ausgegeben und ebenso ein neues 200er-Value-Pack an matten Kartenhüllen für 8,99 Euro angebrochen habe, das lassen wir mal unter dem Mantel des Schweigens. Da ist es schön außer Sichtweite – aus den Augen, aus dem Sinn. Wie die ganzen Nebenwirkungen, die ich mir mit Kingdom Legacy eingehandelt habe.

Was bleibt? Ein Solo-Kartenspiel mit einer gehörigen Portion Suchtfaktor, welche durch die vielen kleinen Entscheidungen und Belohnungen angetrieben werden. Für eine Empfehlung ist es noch viel zu früh, selbst wenn ihr das moralische Rauschen wegdrücken könnt. Für die vielen Erweiterungen ebenso, denn das Grundspiel alleine bietet mir noch etliche Stunden Spielzeit. So ein Königreich ist eben nicht an einem Tag erbaut, obwohl man es durchaus in drei bis fünf Spielstunden schaffen könnte, sofern ich mich ran halte und mich nicht von den KI-Illustrationen thematisch wegtragen lasse oder auf einer Analyse-Paralyse-Wolke lande.

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