Nicht jeder mag jedes Brettspiel. Geschmäcker und Vorlieben sind nun einmal verschieden. Das ist gut so. Genauso ist Vantage nicht jedem zu empfehlen. Wer keine Ansammlung von Open-Word Nebenquests mag, die in kleinen Geschichten verpackt sind, der wird damit nicht glücklich werden. Und es gibt noch mehr gute Gründe, um Vantage nicht spielen zu wollen.
Vantage hat aktuell ein BGG-Rating von 8,6. Die Mehrheit hat mit 9 oder 10 auf der 10er-Wertungsskala das Spiel benotet. Konkret 1824 von 2737 Spielern. Das sind 66,6 % und damit zwei Drittel aller Wertenden, die maximal oder fast maximal benoten und denen Vantage extrem gut gefällt. Trotzdem ist Vantage nicht perfekt und dafür sprechen etliche Noten im unteren Bereich. Die bilden zwar eine klare Minderheit, trotzdem fand ich interessant, den dort vorgetragenen fremden Kritikpunkten zu lauschen und diese durch eigene zu ergänzen. Deshalb Feuer frei mit der gemischten Auflistung, was laut diversen Spielern alles an Vantage nichts taugt und warum es für mich trotzdem ein empfehlenswertes Spiel ist – nur nicht für jeden.
Wartzeit: Die Downtime ist mit hoher Spielerzahl zu lang. Ich bin am Zug und weiß gar nicht, ob meine Mitspieler überhaupt daran interessiert sind, was ich da alles erzähle und erlebe. Hauptsache, ich löse nicht das Spielende für alles aus. Dazwischen lausche ich mit halbem Ohr, was meine Mitspieler so machen. Zeitgleich möchte ich aber wissen, wie es bei mir weitergeht. Fange ich derweil an, für mich zu planen, bekomme ich nur die Hälfte mit und nicke zustimmend Mitspieler-Aktionen ab, die ich sowieso nicht entscheiden kann. Je mehr Spieler in einer Partie Vantage dabei sind, desto geringer wird mein aktiver Teil an dem Spielerlebnis. Wenn ich die passive Zeit als Downtime empfinde, kann selbst ein Mitspieler schon zu viel sein und fünf Mitspieler zur Qual werden.
Sinnlose Aktionen: Jeder Ort bietet immer genau sechs Aktionen, obwohl die in klaren Situationen eher unnötig scheinen. Wenn dort ein riesiges Monster vor mir steht, sollte ich kämpfen oder fliehen können. Warum sollte ich dort mehr machen wollen? Das Spielprinzip setzt allerdings immer auf sechs mögliche Aktionen. Das führt dann oftmals dazu, dass etliche der Aktionen sinnlos oder überflüssig wirken. Hier steht sich Vantage selbst im Weg und schafft scheinbare Auswahl, die aber keine ist. Nur fällt das nicht so auf, weil sich die ganzen Aktionen hinter fantasievollen Verben verbergen.
Solitäre Spielerfahrung: Die erlebte Interaktion zwischen den Spielern ist zu passiv. Wir unterstützen uns gegenseitig bei unseren Würfelproben mit Skill-Markern und Würfelablageplätzen, aber das war es dann auch. Die Interaktion beschränkt sich auf die rein spielmechanische Ebene. Wir erleben leider kein gemeinsames Abenteuer und entdecken nicht Seite an Seite diese Welt. Stattdessen sind wir auf örtlich getrennten Abenteuerabschnitte unterwegs und dabei alleine mit uns, während unsere Mitspieler interessiert oder eher auf sich fokussiert zuhören, was uns da alles passiert. Wir haben schlicht kein gemeinsames Erlebnis.
Beliebigkeit: Vantage ist zu zufällig. Ich starte an einer zufälligen Absturzstelle. Ob die zufällig ausgewürfelte Mission dazu passt, ist reiner Zufall. Ob sich in erreichbarer Zukunft eine Gelegenheit ergibt, die Mission zu erfüllen, ist ebenso zufällig. Wenn ich als fiktives Beispiel etwas Wertvolles finden soll und es in meiner Umgebung schlicht nichts dergleichen gibt, dann kann ich daran nichts ändern. Ich kann nur weiterlaufen und hoffen, dass ich woanders mehr Glück habe. Eventuell hat einer meiner Mitspieler mehr Glück in der Missionserfüllung. Ich selbst bleibe in dieser Spielsession aber nur eine Randfigur und erlebe eher sinnlose Abenteuer, die nichts mit unserem Missionsziel zu tun haben.
Meine eigenen Kritikpunkte: Vantage bringt eine scheinbar gewollte Unschärfe mit. Die sehe ich vor allem in der Interpretation der Aktionen auf den Ortskarten. Bisher konnte ich mir das durch „ist eine mir unbekannte Welt, die erforscht werden will“ erklären oder auch schönreden. Aber das trifft es nicht. Je mehr ich Vantage spiele, desto mehr bemerke ich die vorhandene Distanz zwischen mir und der Spielwelt. Ich agiere sozusagen nur indirekt nach Vorgabe der Möglichkeiten und wähle eine davon aus und schaue zu, was daraufhin passiert. Das erinnert mich an das Zeitalter der interaktiven DVD-Spiele, bei der man damals eine Aktion auslöst und dann eine Videosequenz abgespielt wird, die man selbst in keinster Weise beeinflussen kann.
Das kann spannend sein, aus reiner Neugier, was da so alles passieren kann. Das kann sich allerdings auch indirekt-eingeschränkt-vorgegeben und in Summe zufällig bis beliebig anfühlen, weil mir dabei die volle Kontrolle fehlt. Denn eigentlich erleben wir in kleinen Abschnitten nur nach, was längst vorab festgeschrieben und unveränderbar ist. Das muss ich akzeptieren und mögen wollen, um mit Vantage trotzdem weiterhin Spaß zu haben.
So folgen wir Schienenwegen, die uns durch die gebotene Vielfalt unseren scheinbar freien Willen lassen, wie wir in dieser Welt agieren wollen. Trotzdem sind es nur fest vorgegebene Wege mit ebenso festen Ausgang der Situation. Wenn ich im fiktiven Beispiel eine Schatzkiste ausgrabe, werde ich dort immer eine 6er-Würfelprobe machen und ich werde dort immer das Buch des Navigators finden. Ein neuer Gegenstand in meinem Inventar, der mich weiter auf seinen vorgegebenen Wegen gehen lässt. Niemals werde ich dort einen Goldschatz finden können und niemals werde ich daran scheitern, nur eventuell vorzeitig mein Abenteuer beenden. Die Schatzkiste wird immer an diesem Ort ausgrabbar sein und wenn ich stattdessen dort den ebenso fiktiv vorhandenen Felsen erklettere, dann werde ich niemals in diesem Abenteuer auf die Schatzkiste treffen, sondern oben auf dem Felsen diese mysteriöse Inschrift entdecken.
Nur eines davon ist möglich, um mir den Widerspielwert zu erhalten und mich davor bewahren, in alte Adventure-Unsitten zu verfallen, einfach alles zu machen, was möglich ist, nur um alles mal gemacht zu haben und nichts zu verpassen. In Vantage hingegen werde ich fast durchweg fünf von sechs Schienenwege an einem Ort verpassen und dafür den einen beschreiten. Das muss mir reichen, um mit Vantage Spielspaß haben zu können.
In geballter Summe klingt das alles arg negativ und nach keinem Spiel, was empfehlenswert ist. Trotzdem halte ich Vantage in seinem Genre der erzählenden Entdeckerspiele für einen Meilenstein der Brettspielgeschichte. Ein Spiel, das man mal selbst erlebt haben sollte, um für sich beurteilen zu können, ob einem dieses Spielprinzip mit seinen Möglichkeiten einer offenen Spielwelt, die durch vorgegebene Aktionen ebenso eingeschränkt ist, gefallen kann.
Im Zweifel einfach mal irgendwo mitspielen, sofern Ihr ausreichend entspannt an Eure Spielsession geht und ebenso an den Mitspieler-Abenteuern interessiert seid. Denn wie lange und wie intensiv Eure Vantage-Erstpartie wird, das wird Euch niemand vorab sagen können. Alles zwischen rund 30 Minuten und 5 Stunden ist möglich und kann dabei stellenweise frustrierend wie auch durchweg spannend sein. Diese Ungewissheit ist ein Teil von Vantage und dafür solltet Ihr bereit sein.












Info-Update: Die Vorbestellmöglichkeit für die deutschsprachige Version von Vantage ist nun von Feuerland terminiert worden:
„Wir planen, am 01. Oktober 2025 eine Vorbestellungsaktion zu starten, bei der ihr euch das Spiel frühzeitig sichern könnt.“
Mehr Infos dazu auf https://www.feuerland-spiele.de/news/vantage-auf-deutsch/