Manche Brettspiele verlangen nach mehr. Nicht zwingend Erweiterungen, weil das Grundspiel selbst nach sieben Partien für mich noch längst nicht ausgespielt ist. Hier geht es um Revanchen in gleicher Spielrunde, weil die Partie zuvor so atmosphärisch packend war, dass niemand die spielerisch eher seichte Hidden-Movement-Deduktion nach nur eine Session beenden wollte.
Terrorscape, in der deutschsprachigen Version bei Grimspire und damit der Spiele-Offensive veröffentlicht, ist ein Phänomen für sich. Ein ganz bewusst einfaches Teamspiel, bei dem ein Killer gegen drei Überlebende antritt und die direkte Sicht aufs komplette Spielgeschehen durch eine imposante aufragende Villen-Kulisse genommen wird. Das erzeugt eine enorme Tischpräsenz und viele „Wow, was ist das denn?“-Fragen der Umstehenden. Wer auch nur im entferntesten Sinne etwas mit atmosphärischen Amitrash-Games anfangen kann, sollte hier ganz dringend eine Testpartie wagen. Denn die Besonderheit an Terrorscape ist die überschaubare Spielzeit von nur 30 bis 60 Minuten pro Spiel-Session. Somit kein langatmiger 5-Stunden-Klopper, sondern ein bewusst reduziertes Spielvergnügen – zeitlich wie auch spielmechanisch.
Die Überlebenden haben jeweils eine Aktion aus sechs Alternativen zur Auswahl. Bewegen und damit defensiv außer Reichweite des Killers kommen oder offensiv nach Schlüsseln suchen? Eine Sonderaktion nutzen, um einen Mitspieler im eigenen Team zu heilen? Oder doch lieber die Barrikade einreißen, die uns den Bewegungsspielraum nimmt? Allerdings will das Funkgerät ebenso repariert werden, um als zweite Fluchtmöglichkeit zu dienen. Und eigentlich sollten wir endlich mal unsere Furcht überwinden, die uns im Kampf behindert und zudem zum echten Problem werden kann, wenn wir verängstigt aufschreien müssten und damit unsere Position verraten. Schließlich wollen wir möglichst unentdeckt vor dem Killer die fünf in zwei Kartenstapel versteckten Schlüssel zu finden, damit die gemeinsame Flucht gelingen kann.
Die spielerische Vielfalt ergibt sich dabei aus den fünf verschiedenen Überlebenden, die alle ihre eigenen Fähigkeiten mitbringen, die eine ganz neue Spielweise ermöglichen. Ebenso für Abwechslung sorgen die drei grundverschiedenen Killer des Grundspiels vom Schlächter über das Gespenst bis zum Mörder. Jeder davon hat sein eigenes Aktionskartendeck und damit besondere Möglichkeiten, die Überlebenden zu Toten werden zu lassen. So verbarrikadiert der Schlächter die Türen der Villa und verbreitet Terror mit seiner Kettensäge. Das Gespenst verbreitet hingegen Angst und Schrecken, um darauf aufbauend dann ihren Opfern die Lebenskraft auszusaugen. Was der Mörder so kann, das weiß ich hingegen noch nicht. Bisher habe ich in meinen sieben Terrorscape-Partien sechsmal mit oder gegen den Schlächter gespielt und erstmalig einmal gegen das Gespenst. Die ganzen anderen Modifikationen des Grundspiels vom Spielmodus über Eigenschaftskarten bis zu Überlebensplänen sind ebenfalls noch ungespielt, denn das Basisspiel reichte mir bisher völlig aus. In dieser Denke kann ich auch bisher noch die ganzen Erweiterungsboxen beim Spielehändler meines Vertrauens lassen und mir für einen späteren Kauf aufheben. Somit relativiert sich auch der recht hohe Kaufpreis von 90 Euro für die Basisbox und verspricht Spielspaß für etliche weitere Partien.
Genug der Euphorie und mitten rein in einen entspannten Spieleabend, bei dem ich Terrorscape gleich dreimal in Folge auf den Tisch bringen konnte: Los ging es mit mir als Schlächter gegen zwei Neulinge und einen Mitspieler, der die Rolle der Überlebenden schon vorab kannte. Diesmal wollte ich es besser machen und nach zwei Schlächter-Niederlagen endlich mal selbst triumphieren. So baute ich Barrikade für Barrikade auf und rätselte dabei, wo meine Gegner denn in der Villa so sein könnten. Die machten arg wenig Geräusche und wenn, dann ausgerechnet am entgegengesetzten und fernen anderen Ende meiner Behausung. Allerdings sammelten die eher zögerlich Schlüssel ein, sodass ich mir erhoffte, dass die Zeit auf meiner Seite sein könnte. Also einfach weiter Barrikaden bauen und stärker werden. Blöd nur, dass ich plötzlich den Funkruf mithören musste, dass die Polizei unterwegs sei. Somit waren die letzten fünf Runden für mich angebrochen. Letztendlich konnte ich einen der Überlebenden bei der Suche nach Schlüsseln aufspüren und auch verletzen. Ich setze nach und meine Motorsäge erledigte dann den Rest, auch weil ich dank zweier Bewegungskarten die Verfolgung erfolgreich aufnehmen konnte.
Was folgte, das war mein erster Sieg als Schlächter und der Auftakt von zwei weiteren Spielpartien. Direkt anschließend versuchte sich ein Terrorscape-Neuling an den Schlächter und ich konnte auf der anderen Seite des Sichtschirms gut nachvollziehen, welche einsame Qualen man in dieser Rolle durchlebt. Ein herrliches Katz-und-Maus-Spiel, bei dem ich als Überlebender im 3er-Sprint geschickt für ablenkende Geräusche sorgte, damit meine Mitspieler an anderer Stelle die Schlüssel aufspüren konnten. Den brutalen Wutanfall des Schlächters, mit einem Stakkato von Aktionsfolgen, konnten wir sogar überleben und mit der Geheimkarte im Gepäck hatten wir sogar zwei Optionen, die Villa gemeinsam zu verlassen. Den Hintereingang angetäuscht und dank zusätzlicher Bewegungskarten doch zur Vordertür unterwegs, war das eine arg knappe Partie, die für uns Überlebende gewonnen ging.
Auch wenn die Anleitung den Schlächter als ersten Killer empfiehlt, so bin ich da inzwischen anderer Meinung: Zwar spielt sich der Schlächter recht geradlinig, weil die ganze Schleichen-Spielmechanik wegfällt. Es gibt keine Angriffskarten für ihn, aber was dabei an Aktionsmöglichkeiten übrig bleibt, verführt zu einer Spielweise, die frustrierend und langatmig werden kann, wenn der Schlächter meint, den Überlebenden hinterherlaufen zu wollen. Stattdessen führt eher geduldige Aufbauarbeit der Barrikaden zum Erfolg. Allerdings ein Erfolg, der auf sich warten lässt, sofern die Überlebenden sich nicht zu übereifrig anstellen und unnötige Risiken eingehen. Eigentlich braucht man zum erfolgreichen Schlächter eine Portion Spielerfahrung, die Erstspieler schlicht nicht haben können. Deshalb meine Empfehlung, den Erstspielern auf Killerseite lieber einen anderen Charakter spielen lassen oder direkt mehrere Schlächter-Sessions, um diese Erfahrung sammeln zu können.
Wie es einfacher auf Killerseite geht, haben wir dann im Anschluss gegen das Schreckgespenst erlebt. Das kam in meinen Spielrunden das erste Mal zum Einsatz und war angenehm überraschend, wie anders so eine furchtverbreitende Geistergestalt doch agiert. So hatten wir echte Probleme, unsere Position nicht durch Angstschreie zu verraten. Diese angesammelte Furcht wurde uns schließlich auch zum Verhängnis, weil das nur die Vorstufe war, um uns auch körperlich den Garaus zu machen. Eventuell hätten wir doch öfter unsere Standardaktion „Furcht entfernen“ verwenden sollen? Ein potenzieller Strategieansatz für kommende Partien gegen das Gespenst? Alles Fragen, welche die Zukunft mit Terrorscape beantworten wird.
Terrorscape ist ein Amitrash-Game, das nochmals mehr mein Spielerherz erobert hat. Deshalb eine absolute Empfehlung von mir, sofern Ihr kurzweilige und atmosphärische Spiele voller Kopfkino-Momente mögt. Bleibt nur noch die Frage, wann ich doch bei den Erweiterungen schwach werde, denn Terrorscape ist gekommen und bei mir als Hidden-Movement-Spiel dauerhaft zu bleiben.












