Die Vorbilder sind unverkennbar. Kein Wunder, ist der Autor doch Martin Wallace und so hat er sich durch seine eigenen Spiele inspirieren lassen. Ein wenig Brass und ganz viel Age of Steam und das alles vereint in einem familientauglichen Spiel, das mit wenigen Regeln trotzdem einen packend-konfrontativen Spielablauf bietet. Ich konnte die Deluxe Edition mitspielen und hatte eine Menge Spaß dabei.
Ich mag Brettspiele, die sich auf das Wesentliche fokussieren und dementsprechend reduziert vom Regelwerk und den Spielmechanismen daherkommen. Wenn dabei ein so packendes Eisenbahnspiel wie bei Steam Power vom Autor Martin Wallace herauskommt, dann ist mir das eine Empfehlung nach nur einer mitgespielten Partie wert. Auf einem bedruckten Seidenspieltuch bauen wir unser Streckennetz aus. Die erste Schiene entscheidet, wo wir auf der Karte starten und die folgenden Spielzüge, wohin wir uns von dort aus ausbreiten wollen. Bei nur zwei Aktionen pro eigenem Zug könnt Ihr allerdings nicht ungestört bauen. Eure Mitspieler haben etwas dagegen und so konkurrieren Eure Streckennetze um die besten Bauplätze, während Ihr konfrontativ dort baut, wo es Euch nützt und im besten Fall die liebe Konkurrenz behindert.
Eure Aufträge geben Euch vor, welche Warentypen Ihr in Kombination abtransportieren sollt, um Siegpunkte und Bonusaktionen und Extraeinnahmen zu machen. Dazu braucht Ihr Fabriken, die genau diese Waren ins Spiel bringen. Im Idealfall gehören die Fabriken der benötigten Warentypen Euch selbst und befinden sich zudem an Euer Streckennetz angeschlossen, weil dann ist die Auftragserfüllung kostenlos. Nutzt Ihr hingegen fremde Streckenabschnitte oder auch fremde Fabriken, so wollen Eure Mitspieler dafür entlohnt werden. Das kann ins Geld gehen, aber Geld ist hier nur Mittel zum Zweck.
Ein zweischneidiges Schwert, denn erst, wenn alle Waren einer Fabrik abtransportiert sind, gewährt diese Stadt dem Fabrikbesitzer Siegpunkte am Spielende. Fehlende Waren könnt Ihr notfalls aus dem Vorrat kaufen. Nur allzu oft werdet Ihr diesen Notnagel nicht nutzen wollen, denn das geht arg ins begrenzte Geld. Blöd nur, wenn Ihr eigene Waren für Euch längst eingeplant habt, sich die lieben Mitspieler aber zwischenzeitlich davon bedienen und Ihr in Eurem Zug nun unerwartet ohne Waren dasteht. Genauso habe ich zwar dank meiner Mitspieler dauernd Geld gemacht, aber am Spielende ging es um Siegpunkte und da lag ich dann in unserer entspannten Erstpartie am Ende des Teilnehmerfeldes. Hier die richtige Balance zu finden und Euren Mitspielern zuvorzukommen, das ist die wahre Brettspielkunst, an der ich gescheitert bin und trotzdem meinen Spielspaß hatte.
Auch weil wir als Spieler das Ende der Partie selbst einläuten. Ich mag diese Art von Kontrolle über die Spiellänge. Wer zuerst neun Aufträge erfüllt hat, der macht Schluss und darf sich an dem kollektiven Aufstöhnen seiner Mitspieler erfreuen. Weil die haben maximal nur noch einen Zug mit den zwei Aktionen, bis jeder gleich oft am Zug war. Ob Ihr dann auch gewonnen habt, das ist nicht zwingend gesagt, denn wer nur aufs Tempo drückt, hat eventuell Punkteoptionen liegen lassen und sieht die Mitspieler in der Endabrechnung vorbeiziehen. Denn es gibt auch besondere Städte ohne Fabrikbau, die nur Punkte bringen, dafür aber doppelt so viele wie die typischen Fabrikstädte. Je weniger Spieler diese Stadt ebenfalls in ihr Streckennetz eingebaut haben, desto mehr für Euch von diesem Kuchen. So könnt Ihr alleine dort vier Siegpunkte machen oder Euch diese mit Euren Mitspielern teilen, was den Ertrag für alle minimiert.
Genau hier kommt dann der rechtzeitige Streckenbau ins Spiel, der Eure Konkurrenten abschneidet und deren Wege verlängert. Allerdings wollen ebenso vorhandene Aufträge erfüllt und neue Aufträge genommen sowie neue Fabriken gebaut werden. Eventuell geht Euch sogar das Geld aus und Ihr müsst dafür eine Aktion opfern. Alles geht eben nicht gleichzeitig. Zudem ist lieb und nett anderswo zu finden. Erwartet keine Rücksichtnahme, stattdessen die direkte Konfrontation, Euren Mitspielern deren Möglichkeiten zu verbauen. Das müsst Ihr an Steam Power mögen wollen. Mir gefällt das, denn das macht für mich die Würze und Spannung aus, wie viel Zeit ich mir hier und dort lassen kann und welche Aktionen ich lieber vorziehen sollte. Ein dauerhaftes Dilemma, weil überall könnt Ihr eben nicht aktiv werden. Aus diesen kniffligen Entscheidungen entsteht für mich Spielspaß.
Nach einer guten Stunde ist eine Partie dann auch schon wieder vorbei und eine potenzielle Revanche liegt nicht fern bei dieser übersichtlichen Spielzeit mit seiner angenehmen Denktiefe auf gehobenen Familienspiel-Niveau. Mitspielen kann hier sicher jeder. Ob auch jeder erfolgreich spielt, das ist dann allerdings noch eine andere Frage. Zwischen Spielsieg und planlosem Aktionismus liegen Siegpunktewelten. Wir in unserer Vierpartie lagen allerdings arg eng beieinander und hatten in unterschiedlichen Spielbereichen unsere Punkte gemacht. Ich selbst hatte zwar mit meiner letzten Aktion stolze sieben Aufträge erfüllt, allerdings waren nur zwei Fünfer-Siegpunkte dabei und zudem konnte ich keinen einzigen Anschluss an eine Vierer-Siegpunkte-Stadt vorweisen. Ich hatte zwar viel Geld von meinen Mitspielern bekommen, nur reichte das in Summe schlicht nicht, um den Rückstand auszugleichen. Eventuell hatte ich zu viele eigene Fabriken gebaut, um stets immer eigene Waren nutzen zu können?
Kommende Spielpartien werden es hoffentlich zeigen, denn Steam Power möchte ich gerne noch weiter in seinen Möglichkeiten erkunden. Es gibt in der Deluxe-Version noch fünf weitere Spielpläne in Seidentuch-Qualität, die mit ihren topografischen Besonderheiten gespielt werden wollen. So kostet der Streckenbau im Hügelland zwei Geld und der Bau im Gebirge mal eben das Doppelte davon. Gebirge gab es auf unserer Deutschlandkarte allerdings nicht und auch Hügel konnten wir oftmals vermeiden. Kreuzungen haben wir auch nicht gebaut. Es gab halt genügend Alternativen auf unserem Erstspieler-Niveau. Da gibt es also noch eine ganze Menge mehr auszuprobieren in Folgepartien.
Zudem bietet selbst ein und dieselbe Karte enorme Varianz, denn die Städte werden zu Spielbeginn zufällig den vorgedruckten Positionen zugeordnet. So hatten wir Städte, die schwarze Fabrikwaren produzieren konnten, nur am Rand verteilt. Nur wer wollte schon am Spielfeldrand sein Netzwerk beginnen? Niemand und so blieben bis zum Spielende schwarze Waren bei uns absolute Mangelware. Mit einer anderen Städteverteilung hätte es hingegen ganz anders laufen können.
Klingt alles fast schon zu gut und genau deshalb kommt hier leider ein abschließendes „ja, aber“. Denn Steam Power war ein Crowdfunding-Spiel, das in der Auslieferung so einige Finanzierungsprobleme hatte. Ob und wann das Spiel deshalb in den regulären Handel kommt und ich fernab des überteuerten Sekundärmarktes oder des Direktimports mit Steuern und Versandkosten eine Chance haben werde, an die Deluxe-Version zu kommen, ist für mich aktuell eine ungeklärte Frage. Wobei ich die Deluxe-Version von der Materialqualität nur als durchwachsen empfunden habe. Die Plastikloks waren in meiner Wahrnehmung noch gerade so ok, nicht wirklich formschön, da leicht zerschmolzen in ihrer Optik. Im krassen Gegensatz zu den Gleisplättchen, Aufträgen und auch den Städten, die mit ihrem Bakelit vergleichbaren Material und sauberer Bedruckung optisch wie auch haptisch hervorragend wirkten.
Die Produktionsqualität der Plastikwaren konnten da ebenso nicht mithalten. Denn die sollen bis zum 6er-Stapel neben einer neu gebauten Fabrik gestellt werden, was an sich auch gut klappte. Nur wenn ich einen oder zwei davon für einen Auftrag abtransportierte, dann war die Klemmkraft des Warenstapels oftmals zu hoch, um die einfach von oben herunterzunehmen. Fast immer hatten wir stattdessen den kompletten Stapel in der Hand und mussten den umständlich aufteilen. Zudem fühlten sich die Waren im Vergleich viel zu leichtgewichtig an und das umso mehr, weil besonders die Gleisplättchen so angenehm wuchtig sind. Schade.
Also sich doch mit der Retail-Version aus Pappe und Holz zufriedengeben und dann nur zwei statt sechs Spielpläne aus Seidenstoff dabei haben? Bei 40 Euro gegen 175 Euro ist das eigentlich keine ernsthafte Frage. Ich begnüge mich derweil lieber damit, Steam Power Deluxe im Freundeskreis mitspielen zu können. Da setzt dann zum Glück meine Vernunft ein und sagt mir, dass ich nicht jedes Spiel selbst besitzen muss. Zudem einfach mal sehen, was auf der SPIEL 2025 in Essen vor Ort möglich sein wird. Für Spontankäufe, aus einer Bauchentscheidung heraus, habe ich eine gewisse Anfälligkeit, besonders weil Steam Power eine Lücke der angenehm reduzierten Eisenbahnspiele in meiner Spielesammlung füllen könnte. Ein Spiel, das sich einfach gefällig, weil interaktiv und kurzweilig, spielen lässt. Soweit meine ungefilterte Meinung zum Erstkontakt.

















Ergänzung: Ich kann Euch nur empfehlen, Eure bevorzugte Version (ob Retail oder Deluxe) vor dem Kauf anzuschauen, denn beide Versionen sind nicht perfekt und wie Ihr die Ausstattungsprobleme gewichtet, ist ganz alleine Eure Sichtweise.
Achtet bei der Deluxe-Version darauf, ob Euch die Qualität der Loks, Fabriken und Waren aus Plastik ausreicht und gefällt. Die teils zu hohe Klemmkraft bei gestapelten Waren könnt Ihr gewohnt mit heißem Wasser lösen – reinwerfen und das Plastik zieht sich wieder gerade, kennt Ihr sicher von diversen Plastikminiaturen mit verbogenen Extremitäten.
Die Retail-Version hat Holzloks, die allerdings laut diverser Reviews etwas zu groß wirken und damit die Übersicht erschweren. Zudem sollen die Holzwaren in schwarz und grau farblich schwierig zu unterscheiden sein. Als Lösung wurde bessere Beleuchtung oder ein Umlackieren empfohlen. Zudem sind die Waren einfache Holzklötzchen, die zu 5er- oder gar 6er-Türmen dazu neigen, umfallen zu können, besonders wenn Fabriken an Fabriken stehen. Im Zweifel vor dem Kauf ausprobieren, ob das für Euch zum Handlingproblem wird.
Für die Retail-Version gibt es ein Map-Pack mit vier weiteren Karten, sodass Ihr damit die volle Anzahl von sechs Stoffkarten wie in der Deluxe-Version habt. Nur ist dieses Map-Pack nur im Direktvertrieb von Martin Wallace über Gamefound erhältlich – da kommen dann Versandkosten und Steuern dazu. Wer dort die Deluxe-Version mit Ablagebänken für die Aufträge (waren praktisch in meiner Partie) und einer deutschen Anleitung kauft, der bezahlt in Summe 176 Euro inklusive Steuern und Versand nach Deutschland. Viel Geld, deshalb empfehle ich, auf der SPIEL 2025 nach eventuellen Bundle-Angeboten Ausschau zu halten, was auch den Vorteil hat, dass Ihr Euch das Material vor dem Kauf genau anschauen und entscheiden könnt, ob Euch dieser Spielehappen das Geld wert ist … oder die Retail-Version doch ok wäre.
https://gamefound.com/de/projects/martin-wallace/martin-wallace-store