HABA hat mit seiner kooperativ-kommunikativen Deduktionsreihe Point of View so einiges gewagt und das Spielprinzip der Wimmelbilder in spannende Geschichten verwandelt, die wir aus unserem ganz eigenen Blickwinkel miterleben. Nach sechs gespielten Kapiteln und einer abgebrochenen Partie überwiegt doch leider der Frust. Bin ich schlicht Teil der falschen Zielgruppe, mit zu hohen Erwartungen an mir selbst?

Es geht mir hier in keiner Weise um Schuldzuweisungen und wenn, dann muss ich diese bei mir selbst suchen. Denn das genial einfache Spielprinzip von Point of View klingt erfrischend neu und anders und in der Theorie auch toll. Allerdings wollte es in meinen vielen verschiedenen Spielrunden nie wirklich komplett zünden, sondern offenbarte einige Probleme, die ihre Ursachen eventuell gar nicht beim Spiel von HABA haben. Stattdessen sind wir viel zu oft an uns selbst und unseren überhöhten Erwartungen gescheitert und dabei in eine Abwärtsspirale von Frustmomenten und überlangen, ermüdenden Spielpartien gestolpert. Der Wille zur Perfektion ist hier schlicht der falsche Weg und nicht ohne Grund betont die Anleitung von Spooky Festival, als eigenständiger zweiter Teil der Point of View Serie, die richtige Herangehensweise.

Dort heißt es wortwörtlich zitiert: „Point of View soll in erster Linie Spaß machen. Seid ihr bei der Beantwortung von Fragen unsicher? Dann rätselt nur so lange weiter, wie es sich für Euch gut anfühlt. Bevor Frust aufkommt, geht einfach zur nächsten Karte über, lest die richtige Antwort laut vor und nehmt die nicht beantwortete Frage in Kauf.“ Klingt gut, ebenso wie der Hinweis, für eine wirklich gute Beleuchtung zu sorgen. Während ich Letzteres durchaus einrichten kann oder notfalls lieber etwas anderes spiele, wenn es die Räumlichkeit nicht hergibt, so war der Hinweis auf „Spaß haben und auflösen, bevor Frust aufkommt“ schon weitaus schwieriger für mich umzusetzen. Warum eigentlich?

Deshalb Klartext geschrieben: Ein Point of View hat mich zwischen 24 und 20 Euro gekostet und bietet vier Episoden in der Schachtel, die jeweils 40 Karten bieten, die eine wirklich vielfältige Geschichte erzählen und jeweils auf einen Höhepunkt zusteuern. Knapp die Hälfte davon sind Rätsel, die uns aus der Situation heraus gemeinsam gestellt werden. Ein Zeitlimit für die Beantwortung haben wir nicht. Es liegt also an uns selbst und da ist jeder der idealerweise vier Spieler gleichermaßen gefordert, seinen Teil zur richtigen Lösung beizutragen. Dazu müssen wir erst einmal die Rätselaufgabe verstehen und beratschlagen, wie wir die denn überhaupt lösen können. Weil nicht immer ist der Weg zur Antwort offensichtlich, oftmals sollen wir Indizien kombinieren und Rückschlüsse daraus ermitteln. Das fühlte sich wie echte Deduktion an und damit weitaus mehr als nur eine Detailsuche auf einem überladenden Wimmelbild.

Jetzt aber kommt das eigentliche Problem. Wir sind auf unsere Mitspieler angewiesen, dass die mit demselben Ehrgeiz bei der Sache sind, wie wir selbst. Die haben ja ihren ganz eigenen Blickwinkel, der erheblich von unserem abweicht und etliches zeigt, was uns verborgen bleibt. Somit schwingt immer eine gewisse Unsicherheit mit, ob sich die lieben Mitspieler wirklich ausreichend angestrengt haben, ihren Teil zur gemeinsamen Lösung beizutragen. Uns setzt uns das ebenso unter Druck, selbst ja nichts zu übersehen. Denn eventuell können nur wir das noch fehlende Indiz zur Lösung finden. Diese Anspannung, es bitteschön perfekt machen zu wollen, weil wir ja als Team spielen und wir voneinander abhängig sind, führte bisher zu arg überlangen Spielpartien. Statt nur eine Stunde pro Episode wurde es oft die doppelte oder gar dreifache Zeit und so lange fokussiert und konzentriert zu bleiben, das wurde dann doch viel zu schnell anstrengend und ermüdend in der überhöhten Anforderung. Teilweise auch frustrierend, wenn ich selbst mehrmals etwas so gar nicht gesehen habe oder erst dann, wenn es schon zu spät war, nach dem Motto „Ach so, da steht es ja und kaum zu übersehen. Ja, sorry, war mein Fehler“.

Point of View soll Spaß machen. Der kam bei mir aber leider zu kurz und nur phasenweise auf. Entweder, weil ich mich über die Hetze oder Oberflächlichkeit meiner Mitspieler geärgert habe. Oder weil sich jede neue Aufgabe eher wie Deduktionsarbeit anfühlte, weil der eigene Ehrgeiz viel zu hoch war. Ein entspannteres Spiel war allerdings auch kaum möglich, zumindest von mir nicht, denn das Spielprinzip hat wie bei vielen Rätselspielen eben den Nachteil, dass ich es nur ein einziges Mal spielen kann. Wenn dann nicht alles perfekt läuft und sich stattdessen eine Episode immer mehr blöd anfühlt, hier Geld für eine einmalige Gelegenheit verschwendet zu haben, die keine bessere Wiederholung für mich zulässt, dann ist diese nicht gegebene Wiederspielbarkeit genau die Triebfeder, die zum Übereifer führt. Da kann die Anleitung noch so deutlich anmerken, dass wir Frust bitteschön vermeiden sollen. Klappt nur nicht – bei mir. Blöd gelaufen.

Gibt es nun einen Ausweg? Weil dieser Beitrag hier soll ja auch ein wenig Selbsterkenntnis sein und Euch als Leser ebenso zeigen, wo die Stolpersteine bei allen Stärken von Point of View liegen, sodass Ihr diese direkt entspannt überspringen könnt. Was ist also die Lösung? Mein erster Rat ist, dass Ihr Point of View nur in lichtstarker Umgebung mit ausreichend Ausleuchtung und zudem mit ausgeruhter Grundhaltung angeht. Wer Lesehilfen braucht, sollte die zwingend dabeihaben und auch nutzen. Wobei oftmals als zu klein identifizierte Details jemand anders in der Runde wesentlich deutlicher und größer sehen kann. Eigentlich solltet Ihr eine Lupe nicht brauchen und wenn doch, dann seid Ihr auf der falschen Spur. Das hat mir meine Spielerfahrung gelehrt.

Zweites, umgebt Euch mit Mitspielern, die deduktive Wimmelbildspiele auch wirklich spielen wollen. Nur so halb interessierte Spieler können die Stimmung am Tisch für alle herunterziehen. Merkt Ihr das, brecht lieber vorzeitig ab und vertagt die Partie. Im Idealfall habt Ihr das allerdings vorab geklärt und alle am Tisch wissen, worauf sie sich einlassen werden. Ermutigt dazu, offen anzusprechen, wenn es dem Einzelnen zu anstrengend wird und zu lange dauert. Auch hier bietet sich eine Unterbrechung an. Und letztendlich nehmt das Spiel nicht zu ernst und zu ehrgeizig. Es ist und bleibt nur ein Spiel und keine Prüfung. Da zudem kein Spielmaterial zerstört wird, könnt Ihr Point of View bequem nach Euren vier Episoden-Partien verleihen, verschenken oder gar verkaufen und so weiteren Spielern die Chance zu geben, dieses außergewöhnliche Spiel zu erleben.

Hätte es HABA von sich aus besser machen können? Eventuell ja, weil in Point of View gibt es nur ein Richtig oder Falsch und ob Ihr auf der richtigen Spur seid, wisst Ihr erst, wenn Ihr Euch die Lösung anschaut. Für Korrekturen ist es dann allerdings zu spät. Und genau deshalb wird eher länger als kürzer gegrübelt und gesucht. Das tut dem Spielablauf nicht gut. Besser wären optional nutzbare Hinweiskarten, wenn sich die Spielrunde darauf einigt, aktuell nicht weiterzukommen. Damit wäre auch der Frust abgemildert, schon wieder an einem Rätsel gescheitert zu sein, nur weil man den Einstieg dazu nicht gefunden hat. Ebenso sollten Zählaufgaben komplett vermieden werden, weil nur weil ich vier von etwas gefunden habe, weiß ich nie, ob ich ein Fünftes nicht übersehen habe und meine, zeitintensiv weitersuchen zu müssen. Stattdessen eher mit abgestuften Lösungen arbeiten, die auch Teilerfolge belohnen, obwohl man im konkreten Ergebnis leicht danebenlag. So ist der Drang genommen, es perfekt machen zu wollen, weil es bisher nur ein Alles-oder-Nichts bei den Auflösungen gibt.

Soweit meine Empfehlungen an die HABA-Redaktion. Ihr als Konsumenten von Point of View solltet Euch hingegen überlegen, ob Ihr die richtige Zielgruppe für das Spielvergnügen seid. Weil die falsche Grundeinstellung kann Euch das innovative Erlebnis, eine gemeinsame Geschichte aus einem von vier Blickwinkel mitzuerleben, schon gehörig vermiesen. Auch hier spreche ich aus Erfahrung. Ebenso habe ich aber auch wirklich gute gemeinsame Momente bei der kooperativen Rätselei erlebt. Auch hier kennt mein Brettspieltag ganz viele Schattierungen und Zwischentöne und ebenso entspannte Spielrunden, die ich so schätze.

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