Reaction-Videos gibt es auf YouTube viele. Ich reagiere hier in Textform auf das aktuelle Review von Shut Up & Sit Down und deren Vantage-Verriss. Aber wer bin ich denn, dass ich andere Meinungen und Bewertungen nicht akzeptieren kann? Wohl einer der größten Vantage-Fans im deutschsprachigen Raum in meiner Selbstwahrnehmung. Und genau deshalb muss niedergeschrieben werden, was geschrieben werden muss, ohne jemanden nieder zu schreiben.

Stellt Euch eine Welt vor, in der Ihr nur gewinnen könnt – immer und jederzeit. Klingt gut, anfangs. Wird nach einer Zeit aber arg langweilig. Weil die Herausforderung fehlt, der Spannungsbogen nicht gegeben ist. Vantage kennt nur Gewinnen und lockt Euch mit Eurer Neugier, die befriedigt werden will. Herausforderungen gibt es aber keine. So zerdehnt sich der Spannungsbogen zu einer Abfolge von Ereignissen, die durch Eure Neugier gefüttert wird und Euch immer weiter treibt. Blickt Ihr zurück, so entdeckt Ihr allerdings nur eine gerade Linie. Das Auf und Ab von Erfolg gefolgt von Misserfolg fehlt. Ersetzt durch einen Strang von ganz vielen kleinen Abenteuern, die langsam aber stetig Eure Neugier befriedigen und Euch mit einem Gefühl der Übersättigung zurücklassen.

Auch weil Euch immer klarer wird, dass Ihr zwar den Fortgang, aber nicht den Ausgang Eures Abenteuers bestimmt. Ihr sagt nur, wo es weitergeht auf dem vorgedachten Pfad der Ereignisse. Wie es weitergeht, ist aber längst vorbestimmt. Denn einen anderen Ausgang als den dauerhaften und ewigen Erfolg kennt Vantage nicht. Genau das ist das eigentliche Spielprinzip der endlosen kleinen Belohnungen. Nur wie belohnend kann ein Spiel sein, in dem Ihr nur gewinnen könnt?

Irgendwann ist Eure Neugier befriedigt. Je nach Spielertyp kann das schon in einer Spielsession passieren oder erst nach ganz vielen davon, in denen Euch Eure Neugier immer weiter getrieben hat. Blöd, wenn Euch die Erkenntnis, welches geniale Blendwerk dieses Vantage doch ist, inmitten einer Mehrspielerpartie ereilt. Seid Ihr sozial und charakterstark genug, um Euren Mitspielern ihr Erlebnis weiter zu gönnen? Oder werdet Ihr ungeduldig, weil Euch Euer in winzige kleine Szenen unterteiltes Abenteuer so gar nicht mehr reizt und sich die Abenteuer der Anderen ebenso folgenlos anfühlen?

Hurra, eine Schatzkiste. Wirst Du die öffnen können? Spoilerwarnung, ja klar, was denn sonst. Es geht gar nicht anders. Findest Du etwas Interessantes darin? Wenn Jamey Stegmaier als Autor von Vantage einen guten Tag hatte, dann sicher. Beeinflussen kannst Du es sowieso nicht. Die Story von Vantage ist längst geschrieben. Du erlebst die nur nach und machst die zu Deiner eigenen. Oder Du hast Vantage durchschaut und bist gelangweilt.

Könnten wir uns nicht ebenso absatzweise aus verschiedenen Büchern gegenseitig vorlesen und dabei wild blätternd von Absatz zu Absatz springen? Denn genauso unzusammenhängend fühlt sich Vantage in seinen schlechten Zeiten an. Zwischendurch würfeln wir, um zu sehen, ob wir dem Ende des als Spiel verpackten Leseabends näher gekommen sind. Sei es aus purem Zufall in Form von Würfelpech, völliger Selbstüberschätzung oder einem sprachlichen Missverständnis. Oh ja, Vantage in der Erwartung eines Spiels kann mühsam werden und manche arg ernüchtern, denn die eigentliche Spielmechanik dahinter ist dünn. Nur Mittel zum Zweck, um aus einer abzweigenden Erzählung ein Brettspiel zu machen. So könnte manch einer urteilen und ich kann dieser Sichtweise nicht wirklich widersprechen.

Also ist Vantage ein schlechtes Spiel, wie Tom von Shut Up & Sit Down resümiert? Ein Spiel, das man ja nicht in zu großer Runde spielen sollte? Und zu groß meint hier vier und mehr Spieler. Als Beweis wird Boardgamegeek herangezogen. Eindrucksvolle 62 % lehnen Vantage zu viert ab. Das steigert sich bis auf 98 % in Vollbesetzung mit sechs Spielern am Tisch. Die 100 % wurden deshalb nicht voll, weil es immer den Einen geben muss, der aus Prinzip eine gegensätzliche Meinung vertritt und Vantage zu sechst abfeiert. Da es allerdings eine anonyme Wertung ist, feiert er unerkannt. Achtet mal darauf, ob Ihr den in diversen Vantage-Runden entdeckt. Der sollte nicht zu übersehen sein, weil der sitzt am 6er-Tisch und ist der Einzige, der Spaß hat. Denn 188 andere Vantage-Spieler empfinden das Gegenteil und raten von so einer Erfahrung ab.

Warum also hat Jamey Stegmaier sein Vantage für 1 bis 6 Spieler konzipiert? Weil er es kann. Das sei ihm unbenommen. Ebenso unbenommen finde ich den Verriss von Tom. Ja genau, der von Shut Up & Sit Down. Denn er legt seine Meinung zu Vantage klar dar. Er vergleicht Vantage mit einem „All you can eat“-Büfett, das 99,9 % aller Wünsche erfüllt. Allerdings nur oberflächlich in der Präsentation des vielfältigen Angebotes. Am Ende schmeckt das alles irgendwie gleich und fad zugleich, denn die geschmackliche Tiefe fehlt. Die liebevollen Details sind in der Masse an Möglichkeiten auf der Strecke geblieben.

Ob Ihr Tom zustimmt oder eher mir beipflichtet, das müsst Ihr alleine für Euch selbst entscheiden. Ich finde es gut, dass wir in einer Welt leben, in der so gegensätzliche Meinungen bestens nebeneinander existieren können. Ganz ohne, dass einer unrecht dabei haben muss. Und ja, ich kann Tom verstehen. Weil ich hatte solche ernüchternden Momente auch schon in und mit Vantage. Aber ebenso hatte ich ganz viele grandiose Momente und die bisher zu meinem Glück weitaus häufiger.

Mein abschließender Dank gilt Tom von Shut Up & Sit Down. Danke, dass ich mich hiermit ungefragt auf die Schultern von Riesen des Brettspiel-Journalismus stellen konnte. Ich bin ein Fan der ersten Stunde des YouTube-Kanals. Auch weil sich deren scheinbare Leichtigkeit so angenehm von der oftmals, so erscheint es mir und das ist auch wieder ganz subjektiv verzerrt wie alles hier, viel zu ernsten und sich zu ernst nehmenden deutschen Brettspiel-Kritiker-Szene positiv abhebt. Danke für dieses Gegengewicht, weiter so und Ihr Leser hier, schaut Euch die Truppe mal an – Pflichtprogramm!

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