Ist doch alles längst vorbestimmt! Was einige übers Wrestling oder das deterministische Universum denken, gilt für die Kosmos-Neuheit von der SPIEL Essen 2025 Messe nur bedingt und begrenzt. Auch wenn der eigentliche Schlagabtausch automatisch abläuft, könnt Ihr an den entscheidenden Stellen trotzdem ausreichend viel Einfluss aufs Spielgeschehen nehmen. Das ist schön fokussiert und das gefällt mir, weshalb mein Empfehlungsdaumen hier nach oben zeigt.

Der Einstieg in Tag Team der Autoren Corentin Lebrat und Gricha German ist einfach. Die Anleitung ist gut geschrieben, lässt zudem keine Frage offen und eröffnet mit den Definitionen von Auto-Battler und Deckbau-Spiel. Ganz viele Beispiele und ausführliche Erklärungen folgen, was dann auch den Umfang von 15 Seiten erklärt, durch die Ihr Euch vor Eurer ersten Partie ducharbeiten müsst. Dabei ist Tag Team spielmechanisch eher einfach gestrickt, weshalb ich mir eine Übersichtsseite am Ende der Spielanleitung gewünscht hätte, welche den Ablauf und die Kernaspekte des Spiels zusammenfasst. So blättert Ihr bei Eurer Erklärung für einen neuen Mitspieler erstmal durch die Regelseiten, um kein wichtiges Detail zu verpassen.

Einen zweiten Wunsch an Kosmos habe ich für das beiliegende Kämpfer-Handbuch. Das sind nochmal zwölf eng bedruckte Seiten voller Details und Besonderheiten zu jedem der zwölf Charaktere von Tag Team. Vor der Partie sollen wir uns den jeweiligen Abschnitt durchlesen – in einem Heftchen und deshalb notgedrungen nur nacheinander, obwohl wir gerne direkt losspielen wollen würden. Schöner wäre es gewesen, wenn jedem Charakter ein doppelseitiges Beiblatt gegönnt worden wäre: Auf der einen Seite eine kurze Hintergrundgeschichte mit Nennung des besonderen Spielmaterials und des Spielaufbaus. Auf der anderen Seite die Besonderheiten im Kampf und charakterspezifisch zu klärende Fragen. Ich hoffe da einfach mal auf eine Zweitauflage oder die kommende Erweiterung, die ein Werbeflyer in der Spieleschachtel mysteriös, mit einem Schwert im Fels steckend, für 2026 anpreist.

Der taktische 2-Personen Deck-Building Auto-Battler, um mal alle Features des Kartenspiels in einem Satz zu nennen, spielt sich nach dieser kleinen Anfangshürde, die für manche zur kleinen Geduldsprobe werden könnte, angenehm fokussiert. Die vier Erstspieler-Charaktere haben keine bis wenige Sonderregeln im Kämpfer-Handbuch und eventuell dort erläuterte Details zu aufkommenden Fragen sollen wir sowie erst klären, wenn wir uns diese stellen. Also auf geht es in den Kampf und das ist auch der einzige Zeitpunkt im ganzen Spiel, bei dem wir irgendwelche Karten mischen. Hier sind es die jeweils neun Karten des Kämpferdecks unserer beiden Charaktere, die wir gut ineinander vermischen. Die Reihenfolge der einzelnen Karten wie auch die Abfolge zwischen unseren Kämpfern ist somit zufällig. Dieser Kartenstapel wird unser Verbesserungsdeck – später dazu mehr.

Die Startkarte beider Tag Team Charaktere sollten wir vorab aussortiert haben, denn diese bilden unser Kampfdeck. Hier folgt dann unsere Entscheidung, in welcher Reihenfolge wir diese als verdeckten Stapel bereitlegen. Soll der ehrwürdige Meister Wong Fei-Hung anfangen oder darf der Berserker Bödvar zuerst zuschlagen? Es wird nicht unsere letzte Entscheidung bleiben, die den Ausgang der Partie entscheiden wird. Und nun geht es mit der ersten Kampf-Phase los. Ring frei, die Glocke läutet und wir decken zeitgleich die oberste Karte unseres Kampfdecks auf. Aufmerksame Leser erinnern sich, dass hier nur zwei Karten liegen, diese erste Kampf-Phase also recht schnell wieder vorbei ist. Nach dem Aufdecken folgt das Ausführen und dabei befolgen wir einfach, was auf der Karte steht. Symbole brauchen wir dabei nicht lernen, weil alles, was hier grafisch per Icons steht, ist in Textform erklärt. Zum Beispiel „Als Bödvar: Erhalte 1 Wut“, was uns den Marker auf unserer charakterspezifischen Wut-Leiste eine Position nach oben schieben lässt. Was passiert, wenn dieser Marker ganz oben auf dem Verwandlungsfeld angekommen ist, hat uns vorab schon das Kämpfer-Handbuch verraten.

Zeitgleich führt mein Mitspieler, der für dieses Spiel zum direkten Gegner geworden ist, seine oberste Kampfkarte aus. Das könnte zum Beispiel ein Angriff sein. Wer angreift, das bestimmt immer die Abbildung des Charakters auf dieser Karte. Und wer das Ziel des Angriffes ist, wird durch die aktuelle Kampfkarte des Gegners bestimmt. In diesem Fall würde also der Berserker Bödvar ordentlich eines auf seine Kauleiste bekommen. Die Angriffsstärke wird dabei durch die Stärke des Angreifers bestimmt. Wir sammeln dazu praktisch wie haptisch schön lila-transparente Plastikwürfelchen vor unserem Charakter an. Da Bödvar den Angriff nicht geblockt hat, was eine spezielle Kampfkarte von Bödvar gewesen wäre, kommt der Angriff durch und die Lebenspunkte von Bödvar sinken entsprechend der Angriffsstärke. Ok, also wäre es gut, so denken wir uns als Bödvar-Spieler, demnächst als erste Kampfkarte, diesen Angriff blocken zu können. Denn wer erfolgreich einen Angriff blockt, nimmt keinerlei Schaden und kann oftmals noch eine Bonusaktion ausführen. Was genau, das sagt uns die jeweilige Kampfkarte. Zum Beispiel heilen wir Lebenspunkte in Höhe unserer Stärke. Wenn wir „Blocken“ aufdecken, dann bitte auch so getimed, dass wir dabei auf einen gegnerischen Angriff treffen. Ihr merkt schon, Tag Team ist herrlich direkt interaktiv.

Weiter geht es mit der zweiten und damit letzten Kampfkarte und deren Folgen, die wir erneut wortgetreu ausführen. Mit etwas Spielerfahrung, die Ihr wie ich in der ersten Partie noch nicht haben werdet, reicht ein Blick auf die Icons. Den Erklärungstext lesen nur Erstspieler, danach ist alles klar. Und nun? Nun ist unser Kampfdeck leer und damit haben wir das Ende der Kampf-Phase erreicht und weiter geht es in die Deck-Phase. Zu Spielbeginn hatten wir ja die Kampfkarten unserer beiden Tag Team Charaktere zusammengemischt und unser Verbesserungsdeck damit geformt. Nun ziehen wir drei Karten davon, werfen zwei davon in beliebiger Reihenfolge ab und packen die unter unser Verbesserungsdeck. Die ausgesuchte neue Kampfkarte schieben wir nun in unser Kampfdeck, ohne dessen Kartenreihenfolge zu verändern. Also in der allerersten Deck-Phase zwischen zwei Startkarten oder oben darauf oder als letzte Karte unten darunter. Diese Entscheidung liegt bei uns. Unser Gegner macht genau das Gleiche und am besten verdeckt unterm Tisch und damit ausserhalb des gegnerischen Sichtbereiches. Mit diesem nun drei Kampfkarten starken Deck geht es in die nächste Kampf-Phase.

Dieser Wechsel zwischen Kampf- und Deck-Phase geht so lange weiter, bis ein Charakter keine Lebenspunkte mehr hat. Die Spielregel kennt zudem die ganzen Sonderfälle, wenn zwei Charaktere K.O. gehen, aber die schenken wir uns hier einfach in der Erwähnung. Genauso wie Ihr ganz vieles in Eurer ersten Spielpartie ebenso nicht beachten braucht, weil diese vorhandenen Spielmechaniken noch gar nicht zum Einsatz kommen. Und wenn irgendwann mal, dann schaut Ihr einfach in der Anleitung oder im Kämpfer-Handbuch nach. So einfach und fokussiert spielt sich Tag Team. Will es auch, denn ein Schlagabtausch sollte nur rund 15 Minuten dauern. Rechnet für Eure Erstpartie aber lieber die doppelte Zeit nach Regelstudium oder Erklärung ein, denn noch sind alle Karteneffekte für Euch noch Neuland. Allerdings spannendes Neuland, denn einen grossen Reiz meiner Erspartie habe ich aus der Überraschung gezogen, was ich kann und wie mein Gegenüber kontert im Auto-Battler-Duell.

Je besser Ihr Eure Charaktere und die Gegner kennt, desto zielsicherer könnt Ihr Euer Kartendeck manipulieren. Die Entscheidung, welche der drei gezogenen Karten Ihr ins Deck packt und wo, die scheint zunächst arg banal und trivial. Mit etwas Spielpraxis werdet Ihr allerdings merken, dass hier der Schlüssel über Sieg und Niederlage versteckt ist. Schliesslich wollt Ihr die gegnerischen Angriffe blocken und Eure Blocks ebenso erfolgreich gegen Angriffe platzieren. Dabei braucht Ihr Euch nicht zwingend die komplette Kartenreihenfolge Eures Gegners merken und aus Tag Team ein Fest für Erinnerungskünstler machen. Für mich reichte es aus, mir die Position von besonderen Gegner-Effekten ins Gedächtnis zu rufen. Mit dem Berserker Bödvar konnte ich übrigens zum finalen und siegreichen Schlag ausholen, weil ich meine nachgezogene Angriffskarte ganz oben auf mein Kampfdeck platziert hatte und so hoffte, meinem Gegner zuvor zu kommen. Hat geklappt, wird aber sicher ein Lerneffekt sein und die nächste Partie wird ganz anders laufen.

Unterm Strich ist Tag Team von Kosmos eine absolute Empfehlung im Genre der 2-Personen-Spiele. Wenn Ihr allerdings nur in grösseren Spielrunden unterwegs seid und auch keine Wartezeit auf Nachzügler zum Spieletreff überbrücken müsst, dann seid Ihr nicht die Zielgruppe. Klar, mit ein paar dazu improvisierten Markern aus Eurem Spielefundus könntet Ihr in Vierer- oder Sechserrunde Tag Team simultan in mehreren 2er-Duellen spielen und sogar ein kleines Turnier daraus machen. Nur frage ich mich, warum die Kosmos-Redaktion oder die Autoren das nicht selbst als mögliche Spieloption gesehen haben. Eventuell ist Tag Team, als reines 2er-Spiel positioniert, dort schlicht besser aufgehoben. Somit liegt es an Euch, was Ihr daraus macht.

Mir persönlich hat Tag Team ausgesprochen gut gefallen. ich hoffe, noch ganz viele Charaktere neu kombiniert aufeinander treffen zu lassen und freue mich auf Folgepartien. Allerdings und das sollte hier nicht verschwiegen werden, ist Tag Team vom Thema und seiner comichaften Aufmachung schon speziell und klar in seiner Nische der direkt konfrontativen Duell-Spiele eingeordnet. Mag nicht jeder, aber wer sich für solch schnell gespielte Spiele mit einer durchaus gegebenen Portion Tiefgang begeistern kann, findet einen tollen Vertreter dieses Genres. Zum Spiel gibt es zudem noch jeweils zwei offizielle Spielmatten aus Neopren in zwei verschiedenen Packungen angeboten. Ich habe mir auf der SPIEL in Essen am Kosmos-Stand die rot-grüne Version gegönnt. Spielt sich gut damit, allerdings reiner Luxus und somit nicht zwingend notwendig, zumal die Begriffe dort auf Englisch stehen und mich anfangs irritiert hatten. Wer mag, der packt zudem seine Kartendecks in Kartenhüllen. Kosmos hat da mitgedacht und das dreigeteilte Insert entsprechend gross gestaltet – passt alles, auch wenn die Spieleschachtel damit propenvoll wird.

Wer jetzt bis hierhin in Textform durchgehalten hat oder direkt ans Textende gesprungen ist, um nur mein Fazit zu lesen, dem empfehle ich mein Interview mit Kosmos-Redakteur Kilian Vosse, der in Audioform die Besonderheiten von Tag Team erklärt – direkt von der SPIEL Essen 2025 Neuheitenschau und nur einen Klick entfernt. Und immer daran denken, was Dwayne Johnson als Mixed-Martial-Arts-Legende Mark Kerr in dem Kinofilm „The Smashing Machine“ auf die Frage „Hasst ihr euch gegenseitig, wenn ihr kämpft?“ entgegnet hat: „Auf keinen Fall.“. Denn Tag Team ist und bleibt ein Spiel und so empfehle ich Euch, es ebenso anzugehen, inklusive Shake-Hands nach Eurem auf den Spieltisch begrenztem Schlagabtausch.

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