Wenn der Gewinner des Deutschen Spielepreises 2025 und eines der von mir am häufigsten bespielten Eurogames des letzten Jahres eine Erweiterung bekommt, dann war das für mich natürlich ein Pflichtkauf. Zum Glück direkt zur SPIEL Essen vorbestellt, denn die Exemplare für den freien Handel sind zwar rund 5 Euro preiswerter zu haben, allerdings auch erst ab Dezember. Derweil erzähle ich Euch von meinen ersten Erfahrungen in entspannter Zweierrunde und die fallen überragend, aber eben auch gemischt aus.
SETI Raumfahrtorganisationen, wie sperrig und eindeutig zugleich die Erweiterung von SETI – Auf der Suche nach außerirdischem Leben heißt, wurde im Vorfeld allzu gerne mit Terraforming Mars Präludium verglichen. Der Vergleich hinkt allerdings gewaltig, sofern Ihr genauer hinschaut oder Spielerfahrung damit sammeln konntet. Klar, es gibt bei SETI Weltraumorganisationen auch den initialen Schub für unser Unternehmen und uns wird ebenso ein Schnellstart mitten rein ins Geschehen gewährt. Da hören die Gemeinsamkeiten aber schon auf. Denn wer sich erhofft hat, dass sich SETI mit Erweiterung kürzer spielen lässt, da ja die erste von fünf Runden übersprungen wird, muss zumindest in diesem Punkt alle Hoffnungen fahren lassen. Am Ende haben wir in unserer Zweierrunde unter SETI-Vielspielern länger als ohne Erweiterung gespielt und das hatte seine Gründe.
Aber von Anfang an und der beginnt mit der Wahl der namensgebenden Weltraumorganisation. Jeder hat zwei davon auf die Hand bekommen. Elf gibt es in der Erweiterung. Für Varianz ist also gesorgt in Euren kommenden zehn weiteren Partien. Für eine müsst Ihr Euch entscheiden und zeitgleich auch noch eine der zufällig gezogenen drei Schnellstart-Karten wieder ablegen. Eure vier gezogenen Projektkarten dürft Ihr hingegen alle behalten, werdet Euch davon aber schnell wieder trennen, wenn ein Teil direkt zur Einkommenssteigerung genutzt und damit nur als zusätzliche Energie, einen Credit oder neue Handkarte übrig bleibt.
Das sind ganz schön viele Entscheidungen, um einen Start hinzulegen, der möglichst viele Effekte, Fähigkeiten, Expertisen und Synergien nutzen soll. Dabei gleicht Ihr drei Informationsquellen untereinander ab: Eure Organisation, Eure Schnellstart-Karten und Eure Projektkarten. Das dauert seine Zeit und deshalb empfiehlt die Anleitung für die erste Partie mit Organisationen, die weniger komplexen mit den Ziffern 1 bis 4 zu nutzen und auch die Schnellstart-Karten direkt zuzuteilen. Kann man so machen, ich hingegen wollte aber gerne die Freiheit der Wahl haben und habe uns zu zweit nur auf die einfacheren Organisationen beschränkt. Durch die Qual der Wahl hätten wir in derselben Zeit auch die erste der fünf Runden spielen können, die wir hiermit überspringen. Schnellstart hat hier somit nichts mit Zeitvorteil zu tun.
Projektkarten kennen wir alle schon, da gab es einen riesigen Stapel von im Grundspiel. Also geschenkt und nur am Rande erwähnt, dass wir mit der Erweiterung nochmals 40 neue Projektkarten dazu bekommen. Der Stapel wird also nochmals größer und die Wahrscheinlichkeit, seine Lieblingsprojekte zu ziehen, umso kleiner. Dafür gibt es mehr Varianz und tolle Überraschungen in den Karten, wer und was da alles verewigt wurde und welche Effekte für bis zu vier Credits auf uns warten. Da waren echte Wow-Effekte für mich dabei. Deshalb mein Tipp: Lasst Euch davon in Euren Partien überraschen und spoilert Euch nicht selbst vorab.
Die Schnellstart-Karten lassen uns hingegen ein Orbiter, eine Spur oder Signale platzieren. Anstatt der normalen Belohnung, sagt uns die Karte, was wir dafür bekommen. Somit wird sozusagen die erste Spielrunde simuliert und wir können uns selbst Vorlagen schaffen. Klingt gut, hat allerdings auch einen gehörigen Pferdefuß in unserer Zweierpartie hinterlassen.
Ok, holen wir den Elefanten direkt aus dem Vakuum des Weltalls: Mit einigen Schnellstart-Karten platzieren wir an vorgegebenen Stellen eine Spur bei einem Alienplättchen. Zudem bekommen wir eventuell noch Siegpunkte geschenkt. Das bringt uns in der Zweierpartie arg schnell in der Nähe der Entdeckungs-Meilensteine bei 20 und 30 Punkten. Nur eine Planetenlandung später war dadurch das erste Alien entdeckt, bevor unsere Spielpartie überhaupt so richtig in Fahrt kam. Und auch die 30 Punkte waren nicht fern, sodass beide Aliens schon in der zweiten von fünf Runden ins Spiel kamen. Das übliche Vorgeplänkel ohne Aliens, mit Fokus auf seine eigenen Handkarten, gab es hier schlicht nicht. Fand ich schade, weil der Spannungsbogen zu schnell seinen Höhepunkt erreicht hat und zwei Überraschungen einer SETI-Partie zu schnell enthüllt waren.
Und wenn wir schon bei Elefanten sind, dann doch weiter damit. Im Grundspiel wurde oftmals angemerkt bis angemeckert, dass das Scannen in Zweierrunde arg mühsam und einsam werden kann. Besonders dann, wenn der Mitspieler für sich merkt, dass er eigentlich nur der Vorlagengeber ist. Es gab schlicht keinerlei Anpassung bei den verschiedenen Mitspielerzahlen. Die Signalleisten waren immer gleich lang, egal ob sich zwei oder vier Spieler daran beteiligten. Die Erweiterung wollte nun einiges besser machen, hat aber leider einen Aspekt übersehen, der bei uns heftigst zu tragen kam.
So lässt uns die Erweiterung zu Spielbeginn vier weitere Schnellstart-Karten ziehen und damit neutrale Spielsteine platzieren. Das Problem ist, dass es zufällig ist, ob dabei auch neutrale Signale platziert werden oder eben nicht. Zudem werden auch keine weiteren neutralen Signale im Spielverlauf nachgelegt. Der eigentliche Effekt auf einer Zweipersonen-Partie ist somit minimal, sofern Ihr nicht zufällig auf allen vier dieser Schnellstart-Karten Signale vorfindet und neutrale davon platzieren dürft.
Also ist Scannen in Zweierrunde weiterhin ein Alles-oder-Nichts-Spiel? Absolut, nur jetzt bekommt Ihr bessere Möglichkeiten fürs Scannen in die Hand gedrückt. Als neues Spielelement gibt es die Signalplättchen. Die werden Euch durch Projektkarten, Alien-Spezies und Organisationen gewährt. Beim Scannen könnt Ihr bis zu zwei davon ausgeben, um bis zu zweimal mehr passende Signale per Kartenauslage platzieren. Warum nur zwei? Weil Ihr beim Scannen sowie schon eine ausliegende Karte nutzen könnt und erst nach Eurer Aktion die Kartenauslage wieder aufgefüllt wird. War es für Euch bisher möglich, mit einer Scan-Aktion typische zwei bis drei Signale oder im Vollausbau sogar vier Signale verstreut zu platzieren, könnt Ihr nun durch die Signalplättchen bis zu zwei weitere Signale legen, um Euch so die Mehrheit und die rote Spur zu schnappen.
Klar, die Kartenauslage muss da mitspielen, aber manche Organisationen können die sogar gezielt manipulieren. So erlebt in meiner Zweierpartie gegen die „Deep Sky Survey“ Organisation, welche einmal pro Runde eine Handkarte mit der Auslage tauschen konnte. Logisch, dass ich mich einem Mitspieler gegenüber sah, der sich ganz aufs Scannen und die Datenanalyse fokussierte, die zudem keine Energie kostete. Ich selbst konnte da nicht mithalten und habe während meiner Partie, keine einzige Signal-Mehrheit dort erzielen können. Einmal hätte ich es mit viel Risiko über zwei verteilte Scan-Aktionen geschafft, aber das war mir gegen die Scan-Übermacht zu unwahrscheinlich. Ja, Scannen funktioniert jetzt in einer Zweierpartie besser, allerdings auch nur, wenn ein Mitspieler sich darauf fokussiert. Und ob der Andere dann wirklich diesen Wettlauf aufnehmen und gegenhalten will, halte ich für fraglich.
Viel geschrieben und bisher kaum ein Wort über die Organisationen verloren. Also ab damit, weil auch diese sind für mich Fluch und Segen zugleich. Eure zu Spielbeginn ausgewählte Organisation gibt Euch einen dauerhaften Sondereffekt, wie das Sondenlimit im All um eins zu erhöhen. Ich hatte „Orbital Dynamics“ gespielt und durfte somit zu Spielbeginn direkt zwei Sonden aktiv halten, später mit dem Sondenausbau sogar drei. Zudem hat jede Organisation auch eine freie Aktion pro Runde und so hatte ich eine kostenfreie Bewegung von zwei meiner Sonden um ein Feld. Damit war mein Weg in die Erforschung des Alls auf dem ständigen Weg zu allen Planeten mein vorbestimmtes Ziel. Fürs Scannen blieb damit eh kaum Zeit.
Da wir die erste Spielrunde nicht aktiv spielen, belohnt uns unsere Organisation mit mehr Startressourcen und Effekten. Zwei Raketenstarts und damit direkt zwei Sonden im Erdorbit sowie zwei Einkommenssteigerungen sind ein netter Startbonus. Dazu drei Bekanntheit, zwei Credits und zwei Energie, gaben mir neben den Schnellstart-Karten-Vorteilen einen netten Schub für den Spielanfang, der direkt mit der zweiten von fünf Runden begann.
Allerdings zwingt uns die gewählte Organisation auch in eine bestimmte Richtung. Gegen die Vorteile der Organisation zu spielen, das macht schlicht keinen Sinn. Somit wurde ich so zum Möchtegern-Elon-Musk und setzte auf eine Masse von Raumsonden, die ich dann, durch Technologie-Ausbauten ermöglicht, möglichst billig auf Planeten landen ließ. Das brachte mir ordentlich Punkte ein und viele gelbe Spuren, war allerdings auch ein eher einseitiger Spielverlauf. Die vorgegebene Asymmetrie schränkt eben ein und setzt den Fokus. Finde ich gut, weil es neue Möglichkeiten bietet, die es vorab in dieser geballten Form nicht gab. Beschränkt aber die eigene Freiheit, die mir das Grundspiel geboten hat.
Am Ende lagen wir trotz extremst unterschiedlicher Spielweisen arg nahe in Sachen Punkte zusammen. Die 200 konnten wir zwar beide nicht knacken, es fehlt allerdings nicht mehr viel. Bis dahin waren locker vier Spielstunden vergangen. Eine Zeit, die ich ansonsten eher für eine Viererpartie mit entscheidungsschwachen Mitspielern oder Erstspielern ansetze. Trotzdem verging die gedehnte Spielzeit wie im Fluge und blieb in jeder Minute spannend, erzählte große wie kleine Geschichten über die Projektkarten und erlaubte epische Momente. Wie ich Juri Gagarin dann doch zu Energie zerstäubt habe, obwohl ich mich in seinem Ruhm feiern lassen wollte, wird ein arg dunkles Kapitel auf dem Weg zu meinem Spielsieg bleiben, zu dem ich nur noch sagen kann: Er ist als Held der Wissenschaft (als Handkarte) von uns gegangen! So versuche ich es mir zumindest schönzureden. Die Geschichte wird eh von den Siegern geschrieben, so sagt man doch, oder?
Tja, was bleibt von SETI Raumfahrtorganisationen unterm Strich übrig? Als SETI-Fan feiere ich die Erweiterung. Meine Motivation, SETI erneut und wiederholt wieder auf den Tisch zu bringen, hat damit neue Höchstwerte erreicht. Eben, weil sich die neuen Elemente der Erweiterung nahtlos ins Grundspiel einfügen und neue Herausforderungen bieten. Auch ja, drei neue Alien-Spezies gibt es auch noch. Zwei davon hatten wir (bewusst) in unsere Partie genommen und die waren wirklich aussergewöhnlich und anders und zudem schön an bekannte Science-Fiction-Klassiker angelehnt. Das gab für mich nochmal eine Extraportion Kopfkino zu den ganzen neuen Projektkarten, die ich dank des Autors Tomáš Holek entdecken konnte.
Mit den Besonderheiten im Zweispieler-Modus kann ich mich anfreunden, auch wenn ich zunächst überrascht war, wie schnell beide Aliens entdeckt worden sind. Das Scannen ist durch die Signalplättchen effektiver geworden und weniger abhängig von den Vorlagen der Mitspieler. Das gefällt mir. Im Spielverlauf hätte ich mir allerdings mehr Scan-Unterstützung und damit Konkurrenz durch einen neutralen Spieler gewünscht. Denn das fehlte fernab des Spielstarts völlig. Hier ist SETI sicher noch ausbaufähig durch Varianten, sofern gewünscht.
Die Erweiterung würde ich SETI-Neulingen aber niemals nie auf den Tisch legen wollen. Durch die Organisationen erhöht sich die Komplexität des Grundspiels nochmal gewaltig. Erstspieler können zudem die gegebene Asymmetrie nicht wirklich zu schätzen wissen, weil die Freiheiten des Grundspiels gar nicht bekannt sind. So bleibt nur eine Verengung der Möglichkeiten übrig, die zudem überfordern kann. Erst wer SETI ausreichend gespielt hat, wird auch den Mehrwert der Erweiterung in seiner vollen Bandbreite erkennen können und die Organisationen als neue Chance und Herausforderung zu bisher unmöglichen Spielweisen sehen. Deshalb ist es für mich ein Pflichtkauf, weil SETI eines meiner liebsten Eurogames ist und mit der Erweiterung auch bleiben wird. Die Höchstwertungen auf Boardgamegeek kann ich deshalb gut nachvollziehen – eine gute 9 von 10, eben weil es diversen „Elefanten“ enthält, die es für mich nicht ganz perfekt wirken lassen im Gesamtbild.































Meine Fotos habe ich spoilerfrei gehalten. Alle neuen Alien-Spezies habe ich deshalb bewusst verpixelt, um Euch die Vorfreude der eigenen Entdeckung zu erhalten.
Ich habe meinen Erfahrungsbericht zudem sprachlich ein wenig überarbeitet und diverse Holperer rausgenommen – war zu spät gestern, gab aber zu viel zu SETI und der Erweiterung zu schreiben.
Schöner Bericht, dem ich nach einer Vier-Spieler-Erfahrung leicht abgewandelt, aber grundsätzlich zustimme! SETI ist mein Lieblingsspiel geworden.
Grüße
papadjango