Alte Briefe in neuem Umschlägen und fertig ist die 2025er-Neuheit? ZMAN veröffentlicht eine runderneuerte und lokalisierte Version des nicht mehr so ganz kleinen Microgame-Kartenspiels von Seiji Kanai. Wer die Arkham Horror Illustrationen kennt und liebt, wird sich gleich ganz wie zu Hause fühlen. Ein Erlebnisbericht am Rande des Wahnsinns über großartiges Tischgelächter und verpasste Umsetzungschancen.

Neu muss nicht zwangsläufig besser sein. Und stets bemüht muss nicht zwangsläufig überzeugend gut sein. Arkham Horror Lovecraft Letter ist für mich ein bestes Beispiel dafür. Leider, so muss ich sagen. Denn im spielerischen Kern gefällt mir das auf 27 Spielkarten angewachsene Microgame ausgesprochen gut. Wir hatten in entspannter Viererrunde eine wahnsinnig gute Zeit am Spieltisch voller Emotionen, Überraschungen und ein packend-knappes Finale um den Spielsieg. Was also gibt es hier noch zu meckern?

Einiges und das betrifft vor allem die grafische Umsetzung. Wer bitteschön hat diese fast unlesbare Schriftart für die Karteneffekte und die Übersichtskarte ausgewählt? Klar, die sieht schön atmosphärisch aus, war für mich allerdings erst auf den zweiten Blick als lesbarer Text zu erkennen und auf den dritten Blick konnte ich dank Lesebrillen-Unterstützung den Inhalt erfassen. Dabei soll Arkham Horror Lovecraft Letter ein flott gespieltes Kartenspiel sein, bei dem Aktion auf Reaktion folgt. Ein Spiel, das in 30 Minuten in diversen Durchgängen gespielt werden will. Wer wie unsere komplette Runde vor allem Zeit damit verbringt, die Kartentexte zu entziffern, der hat das Hauptproblem dieser runderneuerten Neuauflage im Vertrieb von Asmodee für sich erkannt. Übersichten sollten übersichtlich sein und keine zusätzlichen Hürden aufbauen.

Zudem liegen dem Spiel 18 doppelseitige Mythosmarker bei. Die zeigen uns und vor allem den Mitspielern an, wie weit wir dem Spielsieg entfernt sind und das ist unterschiedlich, ob wir wahnsinnige Gehirne oder gesunde Gehirne vor uns angesammelt haben. Blöd, wenn nur wenige grüne Details vor dem Hintergrund eines blauen Gehirns zu ständigen Nachfragen führen. Wie viele kranke Hirne hast Du da? So war es zumindest bei uns und genau um diesen subjektiv-verzerrten, weil persönlichen Spieleindruck geht es mir hier, den ich zum digitalen Papier bringe. Mit Stadionbeleuchtung könnte man dem sicher begegnen, aber wer will schon im strahlend hellen Licht sitzen, wenn wir ein düsteres Spiel rund um den Cthulhu-Mythos zocken?

Der beiliegende Stoffbeutel für das Spielmaterial ist ein schönes Gimmick, weil so könnten wir die Spieleschachtel entsorgen oder doch lieber nur zu Hause lassen, wenn wir mit dem Kartenspiel unterwegs sind und die Welt spielerisch erkunden. Dabei hat die Spieleschachtel extra ein Sichtloch auf genau diesen Beutel und dem Symbol des okkulten Wahnsinns spendiert bekommen, nur passt der gefüllte Stoffbeutel nicht wirklich gut zurück in seinen Pappsarg. Ein Pappbalken ist der Kordel im Weg und ein halbrunder Ausschnitt dort hätte alle Materialsorgen an dieser Stelle behoben. So könnt Ihr selbst Hand anlegen oder damit leben, dass sich die Klappschachtel dauernd öffnet und der Inhalt hinaus in die Welt will. Eventuell doch aus thematischen Gründen so umgesetzt?

Genug der Kritik, die durchaus vermeidbar gewesen wäre. Denn mit schlecht lesbaren Schriftarten und Übersichten hatte auch schon der Vorgänger von 2017 zu kämpfen, der in eher biederer Optik bei Pegasus Spiele erschienen ist. Das nur am Rande erwähnt. Lovecraft Letter hat eben sein eigenes Säckchen zu tragen und das ist nicht nur dem eher mittelmäßigen Schriftsteller und Rassisten seiner Zeit Howard Phillips Lovecraft anzulasten. Aber zurück zum eigentlichen Spiel, weil das habe ich als wirklich gut und spielenswert erlebt.

Wir hatten eine Menge Spaß und noch mehr gemeinsames Tischgelächter. In Summe eine ergab sich so eine gute Zeit und was gibt es ein größeres Lob für ein Spiel, das Vergnügen bereitet. Da darf es dann auch auf der Detailebene furchtbar glückslastig und ungerecht sein. So habe ich den ersten Durchgang nur als passiver Mitspieler erlebt. Nur mitgespielt habe ich nicht, denn ich war durch Karteneffekte meiner lieben Mitspieler schon vorab ausgeschieden. Egal, auch weil ich direkt im nächsten Durchgang nach einer kleinen Kartenmischorgie direkt wieder mit dabei bin und mich natürlich fürchterlich rächen werde. Arkham Horror Lovecraft Letter kannte bei uns vieler solcher erinnerungswürdigen Momente.

Da hatte ich zum Beispiel eine Karte auf der Hand, die sich meine Mitspielerin anschauen durfte. Also so schnell wie möglich diese loswerden. Blöd nur, dass andere Mitspielende derweil geschützt waren, bis ich selbst am Zug war. Also wie üblich eine Karte nachgezogen und puh, damit konnte ich meine Handkarte mit der Mitspielerin tauschen. Blöd nur, dass ich in meiner Panik übersehen habe, dass ich damit einen Ermittler weggetauscht hatte und klar war, dass mein Ableben kurz bevorstand, weil ihre eigene Karte, die nun meine Karte, das war wahrlich kein Geheimnis für sie und zudem hatte sie alle Möglichkeiten in der Hand, weil von mir ausgehändigt, um meine Karte zu erraten. Selbst schuld, aber große Erheiterung am Tisch und genau solche Momente machen für mich ein perfektes Brettspielerlebnis aus.

Ok, aber wie unterscheidet sich Arkham Horror Lovecraft Letter nun vom Original Love Letter? Das Grundprinzip ist gleich. Wir haben eine Karte auf der Hand, ziehen eine Karte nach und spielen dann eine davon aus und befolgen den Aktionstext. Hier kommen dunkle Karten ins Spiel, die sind mächtiger als die hellen Karten, bringen aber eine Probe auf Wahnsinn mit, wenn man eine solche in seiner Auslage liegen hat. Weil dann zieht man vor seinem eigentlichen Zug so viele Karten nach und legt die bei sich an, wie man schon dunkle Karten in seiner Auslage hat. Ist auch nur eine der nachgezogenen Karten eine dunkle Karte, so ist man wahnsinnig geworden und für den Durchgang ausgeschieden. Dunkle Karten auszuspielen, birgt also immer ein gewisses Risiko, aber manchmal geht es halt nicht anders und manchmal möchte man den machtvollen Effekt einfach nutzen. Weil wer weiß, ob bis zum nächsten eigenen Zug die Mitspieler noch leben und man längst den Durchgang als letzter Überlebender gewinnen konnte, bevor es überhaupt zur Wahnsinnsprobe kommt.

Verstanden? So oder so verweise ich Euch für alle weiteren kleinen Details auf die Spielregel – nur einen Klick vom Download (dort unter Zusatzmaterial > Regeln) entfernt. Und mit meinem Fazit beende ich dann auch diesen Erlebnisbericht: Für rund 15 Euro könnt Ihr Arkham Horror Lovecraft Letter im freien Handel erwerben. Ein atmosphärisches. trickreiches und durchaus gewollt chaotisches Vergnügen für bis zu sechs Spieler. Wer überlegt da noch lange, oder sucht Ihr noch Eure Lesebrille, um die unleserliche Schriftart entziffern zu können?

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