Es gibt Spiele, die zünden einfach bei einem. Die liegen einem. Die sind spannend vom Spielablauf, packend von den einzelnen Aktionen, interaktiv in den Auswirkungen. Die sind einfach rund und haben dazu noch ein Thema, das einem ebenso liegt. Selten und dann perfekt, wenn das alles zusammenspielt und sich in ein Brettspiel fokussieren kann. SETI ist für mich persönlich so ein Spiel, weshalb ich zum Lobgesang anstimme und auf ein Jahr der Faszination SETI zurückblicke.

Die Vorgeschichte ist schnell erzählt: Ich kam bei SETI arg spät zur Partie. Eigentlich wäre als alter Arthur C. Clarke Fan mit Fokus auf Hard-Science-Fiction, bei der die Wissenschaft im Vordergrund steht, SETI das perfekte Spiel für mich gewesen, als es im Vorfeld der SPIEL 2024 erstmalig vorgestellt wurde. Blöd nur, dass sich die einzelnen Spielmechanismen so bekannt und damit langweilig anhörten. Was sollte ich mit noch einem Eurogame anfangen, das nur altbekannte Mechaniken wiederholt? Also verworfen und die Erklärung von Kevin auf der Neuheitenschau am CGE-Stand hat das für mich leider auch nicht widerlegen können. Deshalb habe ich SETI erstmal links liegen gelassen.

Im Nachklang der SPIEL 2024 konnte ich dann SETI in entspannter Zweierrunde kennenlernen und ich zappelte am Haken. Nur da war die Messeauflage längst ausverkauft und Nachschub erst Ende Januar 2025 in Sichtweite. Also vorbestellt und derweil die ganzen anderen Neuheiten des Jahrgangs gespielt. Da gab es ja noch so etwas wie Civolution, das mich ebenso durchs Jahr begleiten sollte. Der Rest ist Geschichte und alleine meine zwölf Beiträge über SETI aus allen Betrachtungswinkeln sprechen für das Spiel von Tomáš Holek und verdeutlichen den Stellenwert dieses Eurogames für mich.

SETI ist besonders. Aber was genau macht die Faszination von SETI aus? Ein Brettspiel auf seine Einzelteile zu reduzieren und einzeln diese zu beleuchten, das funktioniert bei SETI nicht gut, wie meine anfängliche Fehleinschätzung mir selbst eindrucksvoll gezeigt hat. Die Summe der Spielmechaniken also? Das könnte zu oberflächlich gedacht sein. Viel mehr sehe ich persönlich die besondere Faszination in der Interaktion mit den Mitspielern, die für ein Eurogame ungewöhnlich hoch ist. Zwar gibt es keine „Hier nimm das“-Elemente gegen einzelne Mitspieler, die mir selten fernab von kurzweiligen Fungames gefallen, aber ich finde mich trotzdem in einer Spielwelt wieder, die auch durch meine Mitspieler bestimmt wird. Das finde ich gut, mehr als nur gut.

Typisch für Eurogames haben wir unser eigenes Tableau vor uns ausliegen, auf dem wir uns ganz für uns austoben und unser Aktionspotential vielfältiger und besser machen können. Was da im Detail bei den Mitspielern abläuft, interessiert mich eher weniger und nur am Rande. Viel wichtiger finde ich hingegen, dass ich damit deren Potenzial abschätzen kann. Und zwar das Potenzial, mich in meinen Plänen unwissend zu unterstützen oder zu gefährden. Und so wandert mein Blick von meinem Tableau immer öfter zu den Tableaus meiner Mitspieler. Ok, der kann auf Monde landen und hat gerade eine Sonde in der Nähe vom Neptun unterwegs. Alles klar, dieses Ziel sollte ich mir also nicht vornehmen, sofern ich nicht schneller bin. Und damit ist mein Blick schon weiter zum Zentrum der Aufmerksamkeit gewandert, zum gemeinsamen Spielplan in der Mitte des Geschehens. Wie dreht sich das Sonnensystem und wann? Ein Blick auf die Bekanntheitsskala und wer sechs dort vorweisen kann, könnte eine neue Technologie erforschen und das Solarsystem drehen. Mit etwas Spielerfahrung hat man schnell im Blick, wo die Erde, die eigenen Sonden und die anvisierten Planeten dann stehen werden. Ebenso, welche Sektoren in Scanreichweite kommen und welche nicht mehr.

Genau diese kleinen Momente, in denen ich selbst gar nicht aktiv am Zug bin, sich das Spielgeschehen aber dramatisch ändern kann, machen für mich SETI dauerhaft spannend. Denn erfolgreiche Pläne leben meistens von der günstigen Situation und das im wahrsten Sinne des Wortes, denn Ressourcen sind knapp in SETI und wenn meine Mitspieler für mich angenehm spielen, dann nehme ich das auch gerne mit. Das bedeutet für mich allerdings auch, dass ich mich nicht zu stark an langfristigen Plänen festkrallen sollte, nur weil ich eine perfekt scheinende Aktionskarte dafür auf die Hand bekommen habe. Bei SETI trenne ich mich in einer Partie von mehr Ideen und Plänen, als ich überhaupt verwirkliche. Denn Handkarten sind in ihrer multiplen Anwendung vielfältig. Da muss dann auch mal ein Juri Gagarin als Raketentreibstoff dienen.

Die Möglichkeiten in SETI sind eben vielfältig und überraschend zugleich. Keine Aktionskarte ist gleich und die meisten davon stecken verdeckt auf den Mitspielerhänden. Zu sicher sollte ich mich deshalb nie fühlen, eine gewisse Unsicherheit bleibt und auch damit überzeugt mich SETI. Denn nur so sind überraschende Spielzüge möglich – für mich und auch meine Mitspieler. Der Spannungsbogen bleibt für mich gespannt, selbst wenn ich meine, die Situation auf dem Brett durchschaut zu haben. Wenn dann der große Plan doch nicht gelingt, weil jemand mit einer unerwarteten Aktionskarte mal eben auf „meinem Neptunmond“ vor mir gelandet ist, dann muss ich das so hinnehmen, Nehmerqualitäten zeigen und mir alternative Ziele suchen. Das sind dann aber auch die vielen kleinen Geschichten einer Spielpartie, die SETI erzählen kann und die SETI für mich besonders und erinnungswert machen.

Alles kleine Bausteine, die für sich isoliert betrachtet, eventuell unspektakulär klingen. Die Summe macht es aus und die vereint sich in einer einzigen Partie von SETI. Dabei haben wir das Thema Scannen mit seiner Mehrheitenwertung noch nicht einmal erwähnt. Mehrheiten entstehen eben selten solitär und genau das macht dieses besondere Spielelemente in SETI nochmals interessanter, weil interaktiv facettenreich. Fast schon ein Spiel im Spiel und eine kleine Kunst, dieses hochinteaktive Element zum eigenen Vorteil zu bespielen. Dazu allerdings an anderen Stellen mehr.

Solltet Ihr bisher einen Bogen um SETI gemacht haben, dann kann ich Euch nur eine Erstpartie empfehlen. Einfach mal mitspielen und sich treiben lassen. Mehr als eine Kernidee pro in jeder der fünf Runden solltet Ihr eh nicht verfolgen, dann klappt es auch mit den Erfolgserlebnissen. Ihr wolltet immer schon mal zum Mars fliegen? Dann macht es einfach. Oder doch Euren Supercomputer voll ausbauen? Warum nicht? Probiert genau das, was Ihr wollt, denn das einmalige Erlebnis Eurer Erstpartie wird niemals wiederkommen. Ob Euch dann ebenso die Faszination von SETI langfristig packt, das wird sich dann einfach von ganz alleine zeigen.

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