Stellt Euch vor, Ihr seid ein japanischer Kleinverlag auf der SPIEL Essen 23. Soweit so wenig aufregend. Was aber, wenn keiner von Euch ein Wort Englisch oder Deutsch spricht. Schafft Ihr es trotzdem, Messebesucher für Eure Neuheiten zu begeistern?

So geschehen und selbst erlebt am ersten Besuchertag der SPIEL Essen 23. Später Nachmittag, die Füße fangen langsam an zu schmerzen, schon viel gesehen und angespielt und noch viel mehr von Halle zu Halle gelaufen. Die 10.000 Schritte sind längst erreicht. Wir kommen an einen eher unscheinbaren Stand mit freien Sitzplätzen vorbei, als uns ein Mann mit Pinguin-Schnabel anspricht und mit einer einladenden Geste irgendwas wie „wanna try?“ fragt. So richtig war das für mich nicht zu verstehen, weil es um uns herum recht laut ist, der Pinguin-Schnabel eigentlich mehr ein verlängerter Mund-Nasen-Schutz ist und ein heftiger Akzent mitschwingt.


Klar, warum auch nicht. Und schon sitzen wir am Messestand von FIC-Lab und LabMem.1, der für das Gamedesign zuständig ist, erklärt uns seine Neuheit Birth or Burst. Wobei „erklären“ leicht irreführend ist, denn wie sich schnell herausstellt, spricht er nur sehr rudimentär Englisch – begrenzt auf wenige Worte. Rückfragen versucht er per Google Translater App zu lösen, aber das klappt nur so halb und ist zudem recht mühsam. Stattdessen legt er uns nach und nach A4-Zettel mit dem groben Spielablauf von Birth or Burst vor, die wir schweigend und nickend durchlesen, während er das Spiel aufbaut.

Zu unserem Glück sind die Spielmechanismen recht reduziert und irgendwann macht es auch „klick“ und es stellt sich Verständnis ein, um was es hier überhaupt geht: Wir sind für das Ausbrüten von Pinguin-Eiern verantwortlich. Komplett kooperativ. Dazu hat jeder eine handvoll Karten mit positiven und negativen Zahlenwerten. Für den Startspieler wird eine Aufgabenkarte gezogen, die befolgt werden muss. Da wird dann zum Beispiel eine positive Zahlenkarte verlangt. Die restlichen Mitspieler spielen ebenso verdeckt eine ihrer Handkarten aus, allerdings völlig frei.

Derweil hat sich auch LabMem.2 zu uns gesellt, der sich für das Grafikdesign des Spiels verantwortlich zeigt. Kommunikation über die eigenen Handkarten oder gar die Ausspieltaktik ist nicht erlaubt, was auch gut ist, denn wir hätten einander eh kaum verstanden. Gemeinsam wird aufgedeckt, die Zahlenwerte verrechnet und der Temperaturanzeiger entsprechend bewegt. Kommen wir in die Extrembereiche, dann gibt es kein „Birth“ sondern ein „Burst“ für das Pinguin-Ei und der Startspieler verliert eines seiner Leben. So geht Verantwortung.

Konnten wir extreme Temperaturen vermeiden, geht es mit dem nächsten Spieler weiter, der nun seine Aufgabenkarte zieht. Nach zehn erfolgreich ausgebrüteten Pinguin-Eiern haben wir gewonnen. Da die gespielten Karten offen ausliegen, konnte ich durchaus nach ein paar Runden abschätzen, was meine Mitspieler so spielen werden. Allerdings darf man bis zum Spielende bestimmte hohe Werte nicht mehr auf der Hand haben, so dass wir gezwungen sind, irgendwann auch mal diese zu spielen und ins Risiko zu gehen.

Das Ende der Geschichte: Wir haben in der letzten Runde gemeinsam verloren. Davor waren die Spielrunden mit einem emotionalen „good, good, good“ oder „ooooh“ beim Kartenaufdecken begleitet, wenn es mal arg knapp wurde. Mir hat das Spiel Spaß gemacht – in dieser ganz besonderen Runde. Ob es jetzt an der besonderen Situation lag, die einmalig bleibt und fernab der Messe kaum reproduzierbar ist, oder ob Birth or Burst doch spielerisch überzeugen konnte? Die Einschätzung überlasse ich Euch.

Was bleibt, ist die Erkenntnis, dass die international ausgerichtete SPIEL ihre ganz besonderen Geschichten schreibt. Auch an diesem Messe-Donnerstag. Ohne die Pinguin-Maske, die einladende Geste und meine schmerzende Füße wären wir wohl einfach weitergegangen und dieses Erlebnis wäre unerlebt und unerzählt. So aber wird es mir noch lange in Erinnerung bleiben.